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REZENSION: Wer die Nachtigall stört, Gielgud Theatre ✭✭✭✭✭
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Von
pauldavies
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Paul T Davies bespricht Harper Lees Wer die Nachtigall stört, für die Bühne adaptiert von Aaron Sorkin – jetzt im Gielgud Theatre in London zu sehen.
Rafe Spall als Atticus Finch. Foto: Marc Brenner Wer die Nachtigall stört
Gielgud Theatre, London
31. März 2022
5 Sterne
Ein Klassiker, der eigentlich keine Neuerfindung braucht. Harper Lees zeitloser Roman gehört zu den seltenen Büchern, die den Beinamen „geliebt“ wirklich verdienen – und Aaron Sorkins meisterhafte Bühnenfassung bewahrt die Geschichte und rückt zugleich aktuelle Fragen konsequent ins Zentrum. Sorkin liebt die Debatte (The West Wing, A Few Good Men), und hier werden wir von einem Erzähler:innen-Trio im Handumdrehen in den Gerichtssaal geführt; in Bartlett Shers eleganter Inszenierung ist das Geschehen zudem wunderbar rhythmisiert. Der Prozess gegen den schwarzen Mann Tom Robinson, der beschuldigt wird, eine weisse Frau vergewaltigt zu haben, legt den allgegenwärtigen Rassismus im County Maycomb der 1930er Jahre offen – und Atticus’ Verteidigung ist leider noch immer erschreckend relevant.
Harry Reading (Jem), David Moorst (Dill) und Gwyneth Keyworth (Scout). Hintergrund: Pamela Nomvete (Calpurnia). Foto: Marc Brenner
Unsere Erzähler:innen sind die Kinder: Scout – eine grossartige Gwyneth Keyworth, die ihren Trotz und ihren neugierigen Geist punktgenau trifft –, Jem Finch, der in Harry Reddings (sic) souveräner, majestätischer Darstellung vor unseren Augen erwachsen wird, und David Moorst als Dill mit einer die Show stehlenden Leistung, dessen Sexualität mehr als nur angedeutet wird. Dill wird sein Leben als Aussenseiter führen und derselben Verfolgung ausgesetzt sein wie Robinson – und genau das vermittelt Moorst in seinem sensiblen Spiel auf berührende Weise. Der Stoff ist hervorragend geformt, Erzählfluss und Ereignisse bleiben jederzeit klar.
Jude Owusu als Tom Robinson. Foto: Marc Brenner
Als ich Rafe Spall zuletzt auf der Bühne sah, war es seine rohe Solo-Performance in Death of England am National Theatre. Hier, als Atticus Finch, weiss er: Das ist ein Marathon, kein Sprint – und er liefert die menschlichste Darstellung des Atticus, die ich bisher gesehen habe. Sein Humor und seine Wärme sind von Beginn an spürbar, doch im Prozess bricht seine Leidenschaft hervor; sein Glaube daran, dass alle Menschen im Kern gut sind, ist zugleich Schwäche und Stärke. Unterstrichen wird das in exzellenten Szenen zwischen Atticus und seiner schwarzen Haushälterin Calpurnia – der herausragenden Pamela Nomvete: ihre spröde Beziehung und Calpurnias „passive Aggressivität“ machen unmissverständlich klar, dass er das Leben niemals, NIEMALS so erfahren wird wie eine schwarze Person in diesem County – und in einer Stadt, von der sie eine ganz andere Seite kennt.
Poppy Lee Friar (Mayella), Rafe Spall (Atticus). Foto: Marc Brenner
Sorkin scheut sich nicht, das N-Wort zu verwenden – aber er legt es den richtigen Figuren in den Mund und setzt es in den richtigen Kontext. Der rassistische Bob Ewell ist in Patrick O’Kanes (sic) gekonnter Darstellung ein plastischer KKK-Anhänger. Es gibt so viele schöne Momente; und wenn Boo Radley von Scout ins Rampenlicht gelockt wird, ist das ein zutiefst bewegender Augenblick, der uns bis zum Schluss des Stücks trägt.
Das Ensemble von Wer die Nachtigall stört. Foto: Marc Brenner
Alles, was ich über Rassismus weiss, habe ich mit 15 beim Lesen des Buchs gelernt. Nach George Floyd ist die Geschichte noch relevanter – und, ganz ehrlich, es wäre wohl Zeit für ein Film-Remake auf Grundlage von Sorkins brillantem Script. Das ist einer der besten Abende im Theater, die man haben kann, und dürfte dieses Jahr zu den West-End-Hits gehören. „All rise“ – in der Tat.
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