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REZENSION: Die Seth-Konzertreihe mit Jeremy Jordan ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
15. September 2020
Von
julianeaves
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Julian Eaves rezensiert die Konzertreihe von Seth Rudetsky, die diese Woche den Broadway-Star Jeremy Jordan präsentiert.
Jeremy Jordan Die Seth Concert Series: mit Jeremy Jordan
Sonntag, 13. und Montag, 14. September
Online-Stream
Das war eine höchst willkommene Rückkehr zur Bestform für den unerschrockenen Seth Rudetsky, der in diesem entwaffnend offenen, intimen und herrlich ungebremsten Cabaret-Talkshow-Format alles auf eine Karte setzt. Nicht viele wagen es, ihren Präsentationen eine derart grosse Freiheit zu gönnen – oder schenken ihren Gästen so vollumfänglich das Vertrauen, sich auf das von ihm angelegte Spiel einzulassen. Doch diese Konzertreihe hat ihn als Moderator mit aussergewöhnlich gutem Gespür entlarvt – und zugleich als jemanden, der gern ein bisschen zockt und Risiken eingeht; genau darum geht es im Theater schliesslich, ganz gleich, ob Musik dabei ist oder nicht.
Diesmal nahm Seth seine Show sozusagen „mit auf Tour“. Wir starteten im opulenten Salon einer Freundin, Barbara, und zu ihnen gesellte sich – ganz klassisch – über die Wunder des Internets der Gast des Abends: der wortgewandte Tenor Jeremy Jordan. „Death Note“ (Frank Wildhorn und Jack Murphy in Bestform), eine noch recht neue Show aus dem Jahr 2015, lieferte den Opener „Hurricane“, für den er einst ein Demo aufgenommen hatte: Dabei zeigte er seine Meisterschaft am Nahmikrofon, verführte uns in die imaginäre Welt des Songs, um dann mit dem Drama und der Handlung der Geschichte gross aufzudrehen. Eine Rückkehr zur Form – tatsächlich. Die verspielte Chemie war von Beginn an da. Es wurden Verbindungen zu Jordans TV-Rolle als Superman ohne Spezialkräfte gezogen – was einen (makellosen) spontanen Schnipsel aus „Eye of the Tiger“ auslöste –, bevor es zurück zum Plaudern über „West Side Story“ ging und dann auch seine Liebe zu Videospielen einschloss (klassisches Mario- und Zelda-Zeug, aber „Rocket League“ – im Grunde Fussball mit Autos, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer – ist aktuell seine Nummer 1). Das Geplänkel lief. (Und lief!) Denn diese beiden kennen sich schon länger: Sie haben „Geschichte“....
Zurück zum Hollywood Bowl und einem Auftritt für Jeremy mit Gustavo Dudamel (hier gibt’s nur das Beste). Dort bekamen wir „Maria“ (Bernstein/Sondheim – ich und eine Million anderer Zuschauender wollten das hören; ja, in dieser Reihe kann man sich Songs WÜNSCHEN!). Es begann ganz leise, wuchs langsam und zärtlich, ohne Effekthascherei, zeigte uns aber Moment für Moment, wie sich Tony vor unseren Augen verändert; dann wurden die Vorhänge aufgerissen und Licht und Lärm flammten auf, bevor am Ende alles wieder eingefangen wurde – atemlos. Und weiter zu Richard Oberacker und Robert Taylors „Bandstand“, einer weiteren Show, die er nicht bekommen hat: „Die beste Fähigkeit, die du haben kannst, ist, zu wissen, wie man mit Zurückweisung umgeht“, sagte er. Das hielt Seth allerdings nicht davon ab, uns zu zeigen, was Jeremy mit Donny Novitskis „I Am“-Song über sich selbst anstellen kann. Das ist eine beliebte Wahl für Auditions und Cabaret, weil es dahin geht, wo Tenöre ihre Stimme gern hinschicken, um Glanz und funkelnde Brillanz vorzuführen. Neben technischer Meisterschaft singt Jordan das mit leidenschaftlicher Körperlichkeit – und es ist ein elektrisierendes Gefühl, ihn zu erleben, wie er Körper und Seele in die Erschaffung dieser Figur wirft. Genau das tut er ständig: ehrliche 100% Hingabe und Wahrheit – ohne Ausnahme – und ein jungenhaft entwaffnendes Lächeln, um das Ausbleiben von Applaus danach zu kaschieren.
Als wäre das nicht schon genug über „Rückschläge“, ging es danach zu einer weiteren Rolle, die er ebenfalls nicht bekommen hat: Jordan zeigt nicht nur seine Verletzlichkeit – er ist geradezu stolz darauf. Tatsächlich scheint es, als würden seine zentralen Stärken – als Künstler und als Mensch – genau auf jenen Fragilitäten aufbauen, die manche Künstlerinnen und Künstler nicht zu teilen wagen; und das ist ein Leitmotiv dieser Reihe, das immer wiederkehrt. Als Nächstes hörten wir aus „Miss Saigon“ Chris’ dramatische Nummer „Why, God, Why?“ (Schönberg/Boublil). Das zeigte seine heroische Würde in Hülle und Fülle und malte in leuchtenden Farben und grossen Formen das Ausmass der Gefühle in dieser Geschichte von Liebe und Opferbereitschaft. Seth war verblüfft zu hören, dass Jordan diese Rolle nicht bekommen hat – und alle, die diesen Cabaret-Moment erlebt haben, dürften ihm zustimmen. Es gab noch ein wenig Gespräch über „Waitress“ (Sara Bareilles) und dann etwas zu „Bonnie and Clyde“, einer Show, in der er tatsächlich spielen durfte (wieder Frank Wildhorn, diesmal mit Don Black). Aus dem Reich der Gynäkologie jedoch erklangen die Töne einer ganz anderen Stimme: eine helle, in der mittleren bis oberen Lage angesiedelte Interpretation des grossen Hits „She Used To Be Mine“ – Jennas zutiefst herzzerreissendes, seelenvolles Bekenntnis in „Waitress“ –, mit der Jordan einen komplexen, überzeugenden und zwingenden Beweis fürs Gender-Crossing lieferte: Das ist wirklich ein grossartiger Song, und es braucht eine wirklich grosse Stimme wie die von Jordan, um einem solchen Ansatz voll gerecht zu werden.
Seth Rudetsky
Als Nächstes reisten wir zu einer weiteren Rolle, die er nie gespielt hat: aus „The Book of Mormon“ (Parker/Lopez/Stone) „You and Me (But Mostly Me)“. Er traf Elder Price punktgenau (wobei der duettierende Seth Cunningham gleich mit in die Dielen schraubte). Siehst du? Mit einer Stimme wie seiner kann man schlicht alles machen. Sogar Animations-Voice-overs: Es gab ein wenig Plauderei über Humor für Kinder, bevor wir zu Jason Robert Browns „If I Didn’t Believe in You“ aus „The Last Five Years“ wechselten – ein Zwei-Personen-Stück, das unvergesslich auf den Bildschirm gebracht wurde, wobei er die JRB-Rolle übernahm. Auch das ist eine Nummer, die eine riesige Palette an Stimmfarben und eine mühelose Beherrschung komplexer Technik verlangt. Und das führte uns zum Wettbewerbsbeitrag – aus „Newsies“ (Menken/Feldman/Fierstein) – und Jacks wuchtigem Akt-1-Finale „Santa Fe“, in einer mutigen, siegessicheren Performance von Ray Waters, die elegant in ein Gespräch über soziale Gerechtigkeit und das Engagement beider Künstler in diesem Bereich überleitete. Seth wollte wissen, warum Jordan diesen Weg ebenfalls einschlägt, und er sagte: „Das ist doch eigentlich gesunder Menschenverstand.“ Doch bevor wir aus jener Show etwas hören konnten, bekamen wir seine ganz persönliche Version von Arlen und Harburgs „Over the Rainbow“ – mit dieser bemerkenswert sexy und zugleich unschuldigen Mischung aus hellem Tenor und Falsett als Hymne auf Kindheitsträume, gemasht mit einer wunderschönen Stevie-Wonder-artigen Ballade: Charlie Smalls’ „Home“ aus „The Wiz“.
Nachdem all diese Emotionen mit Manhattan Sours und einem Schuss Essig benetzt waren, rüttelte uns Seymours „Grow for Me“ (Alan Menken und Howard Ashman) zurück in einen Zustand unangenehmen Realismus. (Keine kleine Leistung für eine grausige Sixties-Pastiche aus Schund-Horror und Sci-Fi-B-Movie.) David Katz und Kieran Edwards waren übrigens auch diesmal beim Sound in Bestform: all die verrückten Aufs und Abs von Lautstärke und Wucht, Energie und Stimmung wurden von ihren einzelnen Mikrofonen eingefangen, als käme das aus einem riesigen, glänzenden Tonstudio. Bis an die absolute Kapazitätsgrenze gefüllt, sorgte das „Soliloquy“ aus „Carousel“ (Rodgers und Hammerstein) für einen glanzvollen Abschied, und Jordan fand einen neuen Weg, Billy Bigelows Geschichte zu erzählen. Es war eine weitere typisch grosszügige und hoch nuancierte Darbietung, hellwach für jeden vorbeiziehenden Schatten oder Lichtwechsel in der Partitur, umherstreifend wie die Unruhe in Hammersteins Ideen und Rodgers’ musikalische Linie mit einem Rubato spielend, das Dick Rodgers womöglich einen Herzanfall beschert hätte – das aber heute jedes Publikum verzaubert.
Kurzum: eine grossartige Rückkehr zur überragenden Bestform.
Als Nächstes: Judy Kuhn
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