NACHRICHTEN
REZENSION : Thérèse Raquin, Studio 54 ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Thérèse Raquin
Studio 54
14. Oktober 2015
4 Sterne
Wie wichtig herausragendes Bühnenbild ist, wird oft unterschätzt – besonders bei Starvehikeln oder Theaterabenden, bei denen man annimmt, das Publikum komme aus anderen Gründen als aus purer Theaterlust. Doch gelegentlich wird das Design zu einem derart entscheidenden Bestandteil des Gesamterfolgs, dass man sich fragt, wie Stücke und Musicals überhaupt ohne das bestmögliche, erhellende Bühnenbild auf die Bühne gebracht werden. Jüngere Beispiele, die mir spontan einfallen, sind Bob Crowleys verblüffendes Set für die Carey-Mulligan/Bill-Nighy-Produktion von Skylight, Justin Nardellas kluge Gestaltung für das London-Debüt von Casa Valentina und Robert Howells entzückende Arbeit an Matilda.
Genau so verhält es sich mit dem bemerkenswerten Design von Beowulf Boritt für Roundabouts Inszenierung von Thérèse Raquin, einer neuen Bearbeitung von Helen Edmundson nach Émile Zolas berühmtem Roman, derzeit im Studio 54 zu sehen, in der Regie von Evan Cabnet. Boritts Gestaltung ist ein integraler Bestandteil des emotionalen und dramatischen Gefüges der Produktion – ohne sie könnte dieser Abend schlaff und wirkungslos wirken.
Boritt nutzt den Raum hier sensationell. Mitunter wird die Bühne in voller Ausdehnung freigelegt – Höhe, Tiefe und Breite stehen offen da und signalisieren genüsslich die Freiheit der Welt. Der Boden erstreckt sich bis zur Hälfte der Bühnentiefe, wo er auf Wasser trifft, das sich über die gesamte Bühnenlänge zieht. Das Wasser steht für Flucht, Natur, Reinigung. Seine ständige Präsenz ist verführerisch – man möchte am liebsten hineinspringen und losschwimmen.
Vier hohe Säulen rahmen eine Seite der Bühne und evozieren – erstaunlich filigran – Enge, Unterdrückung, Gefangenschaft. Aus einem Blickwinkel wirkt die Bühne wie ein Fenster zur Welt aus einem verschlossenen Turm heraus: eine Abstraktion, vielleicht, jener Aussicht, auf die Rapunzel tagtäglich geblickt haben könnte.
Projektionen verändern das Panorama von Zeit zu Zeit. Am eindrucksvollsten – und beinahe erdrückend überwältigend – ist eine Variation auf Monets berühmte Seerosen (nun ja, eine davon). Das Bild ist sofort erkennbar; unbestreitbar französisch, emotiv, sinnlich. Doch die Palette ist ungewohnt – Brauntöne und Gold; wie ein Sepiaabzug von Monets Werk, dem kräftige Farbe hinzugefügt wurde. Von unheimlicher Atmosphäre.
Dann wird das Haus, in dem Thérèse Raquin lebt, eingeflogen. Durch und durch dunkel, altmodisch muffig, eng und vollgestellt wirken die beiden Räume, die wir sehen, winzig im Kontrast zur Weite des Freiheitsraums. Die Decken sind niedrig – das Gefühl, eingesperrt, gefangen oder inhaftiert zu sein, umgeben von Verfall, ist greifbar; man hat fast das Gefühl, den eigenen Atem anzuhalten, aus Angst, den Staub der Vergangenheit einzuatmen, der in diesen Zimmern so frei umherwirbelt.
Boritts Bühne ist so beredt, dass sie seitenweise Dialog ersetzt. Man muss die Lage der Titelfigur zu Beginn nicht mühsam erklären: Allein der Anblick Thérèses im weiten, offenen Raum – und der harte Kontrast zur Spannung im beengten Haushalt von Madame Raquin, einer so kontrollierenden, bösartigen Matriarchin, wie man sie in der modernen Literatur findet – macht die Verzweiflung ihrer Situation unmissverständlich deutlich.
Nachdem ihr Vater gestorben ist, wird Thérèse gezwungen, bei ihrer Tante zu leben und in deren Laden zu arbeiten – sie ist das Bild des Elends. Sie möchte vor der Tante und deren peniblen Forderungen fliehen und das Leben erfahren, doch Armut und gesellschaftliche Missbilligung halten sie an ihrem Platz. Ihre Tante überschüttet ihren verwöhnten, nervtötenden und hypochondrischen Sohn Camille mit Aufmerksamkeit und Geld – und schließlich ist Thérèses Schicksal besiegelt: Sie wird mit Camille verheiratet, eine lieblose Verbindung, die beide unglücklich macht.
Die stumpfe Wiederholung und das immer gleiche Muster ihres Lebens – einschließlich der Kartenabende an jedem Donnerstag mit Madames leicht prätentiösen Freunden – treiben Thérèse an den Rand des Wahnsinns. Dann begegnet sie Laurent, einem alten Freund Camilles, der nun mit ihm bei der Eisenbahn arbeitet. Laurent und Thérèse beginnen eine leidenschaftliche Affäre; beide sind verzweifelt nach dem anderen. Solange sie Laurent hat, ist Thérèse zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich am Leben.
Ihre Treffen finden in Thérèses Zimmer statt, wann immer Laurent sich früher von der Arbeit davonschleichen kann. Doch als sein Vorgesetzter das frühe Gehen unterbindet, suchen die beiden Liebenden verzweifelt nach einem Weg, einander zu haben, zusammen zu sein. Getrieben von ihrem unstillbaren Verlangen, beschließen sie, Camille zu ermorden, um heiraten zu können. Sie ertränken ihn – doch bevor er stirbt, beißt Camille Laurent in den Hals.
So wie die Halswunde eitert, so verfault auch das Band zwischen Laurent und Thérèse: Beide werden von dem verfolgt, was sie Camille angetan haben. Schuld und Angst verwandeln ihre Leidenschaft in gefährliche Dissonanz. Madame erleidet einen Schlaganfall und bleibt gelähmt, als sie die beiden belauscht, wie sie über ihre Tat an ihrem geliebten Camille sprechen. An den Rollstuhl gefesselt, mit kaum mehr als den Augen beweglich, halten Madames wachsame, wissende Blicke Thérèse und Laurent an einem messerscharfen Abgrund. Der Tod erweist sich als einziger Ausweg, den sie anzunehmen bereit sind.
Cabnets klare, kluge Regie überzeugt größtenteils, und sie legt einen Schwerpunkt auf die visuellen Aspekte der Inszenierung, die diesen Abend besonders machen. Thérèse, allein auf einem Felsen, die Flucht erwägend; der ungelenke, beinahe stümperhafte Mord an Camille, gefolgt von den Bildern der durchnässten Liebenden, atemlos an Land; Madames Hand, die ins Bild kriecht, just in dem Moment, in dem der Schlaganfall sie niederstreckt; das ruhelose Gefühl, Camilles Geist habe das Schlafzimmer besessen, in dem Thérèse und Laurent ihn betrogen. Indem er Stille ebenso ausdrucksstark einsetzt wie Klang, verantwortet Cabnet eine detailreiche Produktion, die man mit ungeheurer Anspannung erlebt.
Das einzige echte Manko ist ein deutlicheres Gespür für die von Begierde getriebene Leidenschaft zwischen Thérèse und Laurent. Wenn ihr sexuelles Verlangen so stark ist, dass Mord als gangbarer erscheint, als ohne einander zu leben, unternimmt Cabnet kaum einen Versuch, dieses Gefühl wirklich zu vermitteln. Es gibt keine Szenen, in denen die Liebenden einander die Kleidung vom Leib reißen, keine Nacktheit, kein Eindruck repetitiver, zwanghafter körperlicher Begegnungen: Ja, die Affäre wird gezeigt – aber auf sehr zugeknöpfte Art, was die Wucht der Handlung merkwürdig unterläuft.
An der Besetzung gibt es nichts auszusetzen. Judith Light ist in sensationeller Form als manipulative Madame und vermittelt deutlich, wie aus jedem hilfreichen Vorschlag oder lächelnden Nicken Gift tropft. Nach dem Schlaganfall ist Lights Spiel geradezu hypnotisch: Es ist schwer, den ausdrucksstarken Blick und die beredten Augen nicht zu verfolgen, die Gefühle und Emotionen ausstrahlen. Die Szene, in der sie mit einem Alphabet den Mord an ihrem Sohn zu buchstabieren versucht, ist absolut fesselnd. Eine phänomenale Leistung.
Gabriel Ebert ist herrlich grauenhaft als schmieriger, unerträglicher Langweiler Camille. Er lässt einen erschaudern – so, wie es Thérèse ganz sicher gegangen sein muss. Faszinierend ist, dass Ebert die Figur trotz all ihrer Abscheulichkeit so führt, dass der Moment seines Mordes tatsächlich schockierend und erschütternd wirkt. So unauslöschlich ist das Bild von Camille, das Ebert zeichnet, dass die Spuksequenzen mit heimtückischer Kraft nachhallen.
Matt Ryan ist als Laurent äußerst attraktiv, und Thérèses überwältigendes Verlangen ist mühelos nachvollziehbar. Es ist nicht nur Ryans körperliche Schönheit, sondern die Art, wie er die Figur schmierig-verführerisch, betörend und leicht – aufregend – gefährlich macht. Eine hervorragend austarierte, sehr maskuline Darstellung, die in starkem Kontrast zu Eberts perfekt getroffenem Muttersöhnchen steht.
Sehr gute Auftritte gibt es auch von Jeff Still und David Patrick Kelly. Kelly insbesondere holt aus einer zentralen dramatischen Wendung das Maximum heraus und schafft einen eiskalten Moment reiner Panik, als das Geheimnis um Camilles Mord kurz davor scheint, entdeckt zu werden.
Doch die eigentliche Hauptlast des Stücks liegt auf den Schultern der Schauspielerin, die Thérèse spielt – hier Kiera Knightley, die ihr verspätetes Broadway-Debüt gibt, nachdem sie zweimal im West End zu sehen war. Ihre Filmerfahrung hilft Knightley enorm: Sie lässt einen stummen Blick Bände sprechen und fühlt sich darin zuhause, starke visuelle Bilder von beeindruckender Wucht zu erzeugen. Über weite Strecken schweigt sie, doch sie ist deshalb keineswegs auch nur einen Moment im Hintergrund.
Sie nutzt jede Gelegenheit – ob sie hinter Camille am Meer entlanggeht, sich Madame entgegenstellt oder von Laurents Präsenz berauscht wird. Und wenn sie spricht, sitzt jedes Wort: vielen Passagen verleiht sie lyrische Schönheit, anderen eine müde, gedemütigte Angst. Thérèses finaler Zusammenbruch ist makellos dosiert – wirklich beeindruckend.
Jane Greenwood liefert außergewöhnliche Kostüme, überwiegend in Schwarz-, Grau- und Brauntönen, die die Palette in Boritts Bühnenbild aufnehmen. Hut ab vor Keith Parham für ein extraordinäres Lichtdesign, das die emotionale Skala schimmernd durchmisst, während sich die Ereignisse entfalten: dunkles, kaltes Licht; heißes, lüsternes Licht; warmes, erstickendes Licht; sanfte Strahlen von Freiheit und das Grau, das kommt, wenn alles trostlos ist. So emotional abgestimmtes Licht wie hier erlebt man selten. Das ist eine große Leistung. Josh Schmidts Originalkompositionen verstärken die emotionale Wirkung der Inszenierung wirkungsvoll.
Zola schrieb einen großartigen psychologischen Thriller, und Edmundsons Bearbeitung ist seiner Absicht treu – zärtlich und erschreckend in gleichem Maß. Cabnets erstklassiges Ensemble leistet hervorragende Arbeit, belebt die vielen ineinandergreifenden Fäden und macht daraus einen kraftvollen, vollmundigen Theatergenuss. Es dürfte stärker die Körperlichkeit betonen, die Thérèse und Laurent (Camille ebenfalls) ins Verderben stürzt – doch angesichts des wunderbaren Spiels, des Bühnenbilds, der Kostüme und des Lichts sollte sich niemand um sein Geld betrogen fühlen.
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