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REZENSION: Pretty Woman - Das Musical, Piccadilly Theatre London ✭✭✭✭
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Von
Ray Rackham
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Ray Rackham bespricht die Musical-Bühnenadaption des Kinohits Pretty Woman, inszeniert und choreografiert von Jerry Mitchell, am Piccadilly Theatre in London.
Dann Mac (Edward) und Aimie Atkinson (Vivian Ward). Foto: Helen Maybanks Pretty Woman – The Musical
Piccadilly Theatre, London
2. März 2020
4 Sterne
Pretty Woman – The Musical, geschaffen von Routiniers aus den Welten der Musik (Bryan Adams und Jim Vallance), des Fernsehens und Films (Drehbuchautor und Regisseur des Films, J.F. Lawton, und der verstorbene Gary Marshall) und gelenkt vom legendären Broadway-Regisseur Jerry Mitchell, eröffnete am Piccadilly Theatre vor einem spürbar euphorischen Premierenpublikum. Das Musical lädt das Publikum ein, die Momente noch einmal zu erleben, die es am Originalfilm von 1990 so geliebt hat. Mit einem derart vielfältigen Stammbaum im Rücken: Kann diese Produktion mit dem ungleichen Machtgefälle, der anachronistischen „Male-Saviour“-Handlung und dem fragwürdigen moralischen Kompass umgehen, über die der Film so gekonnt hinweggebügelt hat?
Aimie Atkinson (Vivian Ward). Foto: Helen Maybanks
An entgegengesetzten Enden des American Dream ist Edward (von Danny Mac mit viel Verve und Charme gespielt) zu reich und zu erfolgreich, um überhaupt Zeit zu finden, eine Freundin kennenzulernen; und Vivian (die sympathische Aimie Atkinson) ist eine Prostituierte mit goldenem Herzen. Wir sehen, wie sie sich treffen, ein sexuelles Geschäft über 3000 Dollar vereinbaren und sich am Ende ineinander verlieben. Dazu kommt ein Hotelmanager im Svengali-Stil (Bob Harms in seiner die Show stehlenden Bestform), dem offenbar ein Kürbis zur guten Fee fehlt, sowie eine beste Freundin, die ebenfalls von der falschen Seite der Gleise stammt (Rachel Wooding mit ihrem besten Brooklyn-Akzent als Kit) – und fertig ist eine moderne „Cinder-f*ckin’-Ella“-Geschichte.
Rachel Wooding (Kit De Luca) und Bob Harms (Happy Man) in Pretty Woman. Foto: Helen Maybanks
Das Kreativteam hat die problematischen Elemente des Films nicht wirklich hinterfragt – das Ergebnis ist weniger eine Übersetzung als eine Verpflanzung. Ganze Dialogpassagen sind direkt aus dem Julia-Roberts/Richard-Gere-Film geklont, und Tom Rogers’ Kostümbild zollt dem Original mehr als nur eine beiläufige Hommage. Wo es jedoch Veränderungen gibt, zielen sie eindeutig darauf ab, das Geschlechterungleichgewicht zu korrigieren – und diese Produktion ist längst nicht so geschniegelt und gebügelt wie 2018 am Broadway. In dieser Fassung wehrt Vivian Ryan Malloys angehenden Vergewaltiger selbst ab, statt – wie im Film – darauf zu warten, dass Edward sie rettet. Und anders als in der Broadway-Version gilt: Wenn Vivian (dank Atkinson ziemlich brillant) in Akt eins singt, sie wäre lieber „Anywhere But Here“, und nach einem Vorgeschmack auf das Highlife in Akt zwei, sie „Can’t Go Back“, sorgt ihre gewachsene Selbstbestimmung dafür, dass das Publikum glaubt: Sie kann zumindest nach vorn gehen.
Aimie Atkinson (Vivian) und das Ensemble. Foto: Helen Maybanks
Adams und Vallance haben eine Partitur geschaffen, die sich aus Country, Rock, Pop und Funk speist – zusammengebunden mit einer Bossa-Nova-Schleife aus Flamenco, die inzwischen so etwas wie Adams’ klangliches Markenzeichen zu sein scheint (der Song „On A Night Like Tonight“ weckt besonders Erinnerungen an Adams in seiner romantischsten Mitte-90er-Phase). Edwards „There’s Something About Her“ ist ein wehmütiger, verspielter Monolog, von Mac wunderschön gesungen, während „You’re Beautiful“ ein Soft-Rock-Ohrwurm ist. Das Roy-Orbison-Mitsingstück beim Schlussapplaus ist eine spätere Ergänzung (bei der Broadway-Premierenpressevorstellung war es definitiv nicht dabei) und schlicht überflüssig, da es die musikalische Eigenständigkeit der Show schmälert; allerdings großartig dargeboten von Harms und Wooding.
Das Londoner Ensemble von Pretty Woman. Foto: Helen Maybanks
Interessanterweise wird einer der Schlüsselmomente des Films (die Szene, in der Vivian bei ihrem ersten Opernbesuch und bei La Traviata wirklich bewegt ist) theatralisch zu etwas noch viel Schönerem erhoben. Die vertraute Szene steckt in dem eingängigen, textlich wunderschönen und originellen Song „You And I“, der neue Liebe schlicht und perfekt auf den Punkt bringt. Während Kimberly Blakes atemberaubend präziser Sopran das Theatre mit der Musik von Giuseppe Verdi füllt, wird die verwandelnde Kraft dieser Märchenfantasie selbst den härtesten Kritiker – wenn auch nur für einen Moment – dazu bringen, sich auf die Prämisse der Show einzulassen. Es ist ein köstlicher Happen musikalischer Brillanz, kluger Inszenierung und souveräner Darstellung – und beweist für sich genommen, dass dieses Musical beträchtlich abliefert.
Vielleicht ist es eine 2020er-Sehnsucht nach Nostalgie; oder die Tatsache, dass das Kreativteam durch das Nachgeben – und die thematischen Probleme eben nicht anzugehen – tatsächlich Momente von Schönheit geschaffen hat, die unser Bedürfnis nach Wiederbegegnung umarmen. So oder so ist Pretty Woman ein sauber verpackter, liebevoller Liebesbrief an den Hollywoodfilm – und dürfte sich als publikumswirksamer Hit erweisen.
Pretty Woman – The Musical läuft am Piccadilly Theatre bis zum 2. Januar 2021 PRETTY-WOMAN-TICKETS – JETZT BUCHEN!
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