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REZENSION: Oklahoma! Lyceum Theatre Sheffield ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Oklahoma!
Lyceum Theatre, Sheffield
25. Juli 2015
5 Sterne
Es war der 31. März 1943, als Curly zum ersten Mal ins Licht trat und mit voller Kraft davon sang, was für ein wunderschöner Morgen das sei. Dieses längst vergangene Datum markierte den Moment, in dem sich das Musical für immer veränderte. Oklahoma! lief fünf Jahre lang und erwies sich als Urmutter so ziemlich aller Musicals, die danach kamen.
Nach über 72 Jahren, einer einflussreichen Filmadaption und unzähligen Inszenierungen stellt sich die Frage, ob die Grossmutter des Musicals heute noch Relevanz besitzt.
Angesichts Rachel Kavanaughs lebendiger, mitreissender und geradezu betörend liebenswerter Produktion, die derzeit durch Grossbritannien tourt, lautet die Antwort ein klares „Ja!“.
Im Programmheft erläutert Kavanaugh ihren Ansatz:
„Man muss an das Stück herangehen, als hätte es noch niemand zuvor gemacht. Man muss der Geschichte treu bleiben, herausarbeiten, was auf der Seite und in der Partitur gemeint ist, und dann seine eigene Version dieser Geschichte erzählen. Es ist immer eine Freude, an einer Show zu arbeiten, bei der man nicht einen ganzen Berg von Problemen lösen muss und sich stattdessen darauf konzentrieren kann, einer neuen Zuschauerschaft eine grossartige Geschichte nahezubringen.“
Gemeinsam mit Choreograf Drew McOnie und Musical Director Stephen Ridley hat Kavanaugh Wort gehalten. Diese Wiederaufnahme von Oklahoma! wirkt wie frisch geprägt: voller Möglichkeiten, aufgeladen mit moderner Energie und spektakulär fesselnd. Mit gut zweieinhalb Stunden inklusive Pause ist es eine knackige, zügige Version des Rodgers-und-Hammerstein-Originals – und eine, die seine Glanzstellen mit neuem Blick freilegt.
Weil es ein Werk aus einer Zeit vor dem Feminismus ist, ist Oklahoma! nicht politisch korrekt, doch das historische Setting mildert das Unbehagen. Hier sind die Männer kräftig, aber meist dumm. Sehr dumm. Die Frauen sind hübsch, auf die Männer fixiert, aber klug – im Sinne von: intelligent. Aunt Eller ist der weiseste Kopf weit und breit auf der Bühne. Die Hoffnung, die die ganze Inszenierung spürbar durchzieht, hält die Zweifel am Sexismus in Schach.
Kavanaugh präsentiert uns eine listige, beinahe wilde Aunt Eller, einen metrosexuellen Curly, eine burschikose Laurey, eine spitze, aber entschieden feminine Ado Annie, einen geradezu erschreckend dummen, dabei unwiderstehlich sympathischen Muskelprotz Will, einen verstörten, entgleisenden Jud und einen elfengleichen Carnes. Der Eindringling, der Fremde, Ali Hakim, ist fleissig und launisch, clever und gewitzt. Die Figuren mögen alt sein, doch die Deutungen sind spritzig und nachhallend.
Im Zentrum von Kavanaughs Produktion steht eine geradezu unwiderstehliche Leistung von Ashley Day, dessen Curly viril ist, „purty“, flink auf den Beinen, schlagfertig, offen, ehrlich, loyal, mutig und – vor allem – ein Vergnügen. Das ist ein Curly, der mit dem Herzen denkt, und dessen Herz nicht immer weise ist; ein Curly, der seinem Stern folgt, tapfer und treu und wahrhaftig ist; ein Curly, der eine ziemlich wilde Kindheit gehabt haben muss. Days Spiel hat eine überwältigende Offenheit – das ist pure Freude. Er lächelt und stürmt los in gleichem Mass; weder Junge noch Mann; sein Curly steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, doch er braucht Laurey, um ganz und wirklich zu werden.
Die romantische Seite der Geschichte wird von Day wunderbar getragen, und die Szenen, in denen er und Laurey sich zum Schein streiten/neckend kabbeln, gelingen herrlich – sodass der Moment, in dem er um ihre Hand anhält, rundum befriedigend ist. Ebenso gelingt die Szene zwischen Curly und Jud ausgezeichnet; sie wird nie unerträglich, aber sie wirkt wie ein Duell zwischen zwei brunftigen Bullen. Day arbeitet ausserdem Curlys Zukunftsvision klar heraus – wenn das Territorium zum Bundesstaat wird. Sein politischer Blick entspringt dem Gemeinschaftssinn und wirkt daher nicht aufgesetzt, wie es oft der Fall sein kann. Ausserdem ist er ein körperlicher Darsteller, und es gibt ein kleines Stück Business mit einer Herdplatte, das sehr, sehr komisch ist.
Gesanglich ist Day ein sicherer, geschmeidiger Interpret, der Rodgers’ Partitur voll zur Geltung bringt. Er hat keine Howard-Keel-Stimme, aber erstaunlicherweise spielt das keine Rolle. Sein leichter Tenor ist kräftig und verlässlich, und er glänzt in den Balladen ebenso wie in den komischeren Nummern. Seine Figur ist so schnell so sicher und glaubhaft etabliert, dass alle Erwartungen aus früheren Aufnahmen mühelos weggeweht werden. Wenn er schliesslich den Titelsong singen darf, ist das ein voller Triumph.
Er stürzt sich mit erheblichem Elan in McOnies Routinen und führt das Männerensemble mit rauer, zupackender Fussarbeit an – voller Energie und Stil, durchdrungen von der Stimmung eines Scheunentanzes. Im Traumballett ist er ganz in der Arbeit: keine Schatten-Doubles hier. Day und seine Laurey, die begabte Charlotte Wakefield, erledigen die gesamte Knochenarbeit der Traumsequenz selbst; und auch wenn das Ergebnis etwas von der ballettischen Brillanz früherer Produktionen einbüsst, gewinnt es an echter Verbindung zu den Figuren, von denen Laurey träumt und deren Schicksale auf dem Spiel stehen. Für mich funktioniert das ausgesprochen eindrucksvoll.
An Day als Curly gibt es schlicht nichts auszusetzen. Das ist aus jeder Perspektive ein souveräner Starauftritt.
Wakefield beeindruckt weiterhin. Ihre Laurey ist willensstark und eher Buffy the Vampire Slayer als Florence Henderson. Ihre schlichte, pragmatische, „packen wir’s an“-Laurey erinnert mehr an Scout Finch als an Unsere kleine Farm – und ist genau deshalb umso besser. Wakefield zeigt eine vollkommen andere Laurey: Selbst im „purty“ Party-Kleid vergisst diese Laurey weder ihr Feuer noch ihre Überzeugungen. Sie ist ganz die Nichte ihrer Tante. Ihr Zusammenspiel mit Days Curly sprüht vor Wahrheit und Realismus, und ihr unbehaglicher Platz in der Weiblichkeits-Gesellschaft des Territoriums wirkt stimmig.
Mit einem herrlich reinen Sopran gesegnet, setzt Wakefield ihn hier bestens ein: Ihre Arbeit in „Many A New Day“, „People Will Say We're In Love“ und „Out Of My Dreams“ ist herausragend – leuchtend und wunderbar melodisch. Sie mischt ihre Stimme exquisit mit der von Day, und zusammen sind sie ein Genuss, mit aufblühenden Passagen getragenen, legato geführten Gesangs. Ihre Diktion ist – wie bei Day – makellos, jedes Wort ist klar. Sie ist in jeder Hinsicht grossartig.
Belinda Lang, die vermutlich einen Oscar fürs Grimassieren und Szenenstehlen verdient hätte, wirkt ein wenig wie das, was aus Doris Days Calamity Jane als verbitterte Jungfer geworden wäre – hätte sie nicht geheiratet. In ihr steckt noch etwas von einer echten Pionierin. Ätzend und schmallippig meidet Lang den üblich geschniegelt-warmherzigen Zugriff auf die Rolle, und grösstenteils – in ihren wichtigen Szenen ganz sicher – funktioniert das tadellos. Doch ihr Gesang ist durchschnittlich, ihre Diktion lässt zu wünschen übrig, und gelegentlich gibt es eine lustlose Beiläufigkeit, die die Gesamtleistung schmälert; allerdings nicht in einem Mass, das wirklich verheerend wäre.
Gary Wilmot hingegen liefert eine bewährte, grundsolide Version von Ali Hakim. Neu oder erfinderisch ist daran nichts – aber ebenso gilt: Alles, was er tut, funktioniert sehr gut. Er holt sich die Lacher und stellt eine passende Bedrohung für Wills Pläne mit Ado Annie dar. „It's A Scandal! It's An Outrage“ verkauft er hervorragend und lässt einen sich fragen, warum diese Nummer nicht bekannter ist – obwohl sie im Film gestrichen wurde.
Als klassisches „Werden sie, werden sie nicht?“-Paar sind Will Parker und Ado Annie – Lucy May Barker und Simon Anthony – hervorragend aufeinander abgestimmt. Sie machen das Schräge am schrägen Paar mit Nachdruck charmant. Anthony spielt Parker fantastisch begriffsstutzig und völlig vernarrt in Barkers Annie. Barker wiederum verkörpert perfekt die Idee eines Mädchens, das nicht „Nein“ sagen kann. Beide strahlen eine tiefe Sinnlichkeit aus und kosten die extreme Komik ihrer Rollen voll aus. Ihre „All Or Nuthin'“-Nummer ist ein echter Genuss. Anthony ist ein energiegeladener Tänzer und zelebriert McOnies Choreografie, besonders in „Kansas City“. Zusammen sind sie eine komische Delikatesse, die man gern auskostet.
In mancher Hinsicht ist die schwierigste Rolle im Stück die des Jud Fry – der schwerfällige Koloss des angeheuerten Helfers, der in seiner Rauchhütte vor sich hin schwelt und brütet. Nic Greenshields trifft seine Charakterzeichnung punktgenau: exakt zwischen der geistigen Einschränkung von Von Mäusen und Menschen und der Verderbtheit eines Jimmy Savile. Er und Day stürzen sich mit Verve auf „Poor Jud Is Dead“, mit gutem, wenn auch unangenehm zwiespältigem Effekt, und Greenshields macht den peinlichen Moment mit der mörderischen Guckloch-Konstruktion wirklich beängstigend. Juds widerwärtiges Interesse an Laurey und seine letzte, tödliche Begegnung mit Curly sind sehr gut austariert. Vor dem Hintergrund der fein herausgearbeiteten Risse in Frys Auftreten und Handeln nimmt Days Curly den passenden Heldenstatus an. Greenshields arbeitet hart dafür, dass genau dieses Ergebnis entsteht.
Ausgezeichnet sind auch Paul Grunert als Carnes, Kara Lane als Gertie Cummings, Robbie Boyle als Fred und Hannah Grace als Ellen. Das Ensemble besteht aus fleissigen Triple-Threats, die die Herausforderungen der Produktion mit ganzem Herzen annehmen und meistern. Einen wirklichen Schwachpunkt gibt es hier nicht.
Francis O'Connor liefert ein kluges, sehr wirkungsvolles Bühnenbild. Zwar stellt sich kein klares Gefühl von goldenem Dunst über der Wiese ein, doch O'Connor beschwört den Pioniergeist deutlich herauf. Überall ist Holz – ein Hinweis auf harte Arbeit und entbehrungsreiche Zeiten. Es gibt Heuballen, einen Blick auf Maisstängel und ein fast allgegenwärtiges Gefühl endloser blauer Himmel über dem Territorium. Aunt Ellers Veranda ist stattlich, ebenso Frys trostloses Zuhause. Die Scheune, die die Grundlage für „The Farmer And The Cowman“ bildet, wirkt echt und einladend.
Ihre Kostüme streben eher nach Authentizität als nach Farbe oder Stil – und sie funktionieren sehr gut. Vielleicht hätten die „purty“ Kleider noch ein bisschen „purtier“ sein dürfen, aber die Cowboy-Outfits bringen einen lässigen Swagger gleich mit. Alles sieht genau richtig aus und fühlt sich auch so an. Tim Mitchells Licht rückt alles ins beste Licht.
Und so klingt es auch: hervorragend. Ridleys musikalische Leitung ist erstklassig, und die Band unter der Führung von Ben Atkinson bietet ausgezeichnete Unterstützung. Wie heutzutage bei Tourneeproduktionen leider oft der Fall, gibt es nicht genug Streicher, um den üppigen Glanz der Partitur voll auszukosten; doch merkwürdigerweise funktionieren die Orchestrierungen hier trotz der fehlenden Streicher im Gesamtbild bemerkenswert gut. Die Balance zwischen Band und Sänger*innen ist ausgezeichnet, die Tempi sind makellos passend.
McOnies Choreografie ist lebendig, kraftvoll und enthusiastisch; sie gibt der Produktion einen authentischen Puls. In mancher Hinsicht altmodisch, in anderer modern, ist die Energie, die McOnies Schritte in den Abend bringen, positiv und aufrichtend. McOnies Tanz ist ein integraler Bestandteil des Gewebes dieses Oklahoma! – genau so, wie es sein sollte.
Hier gibt es schlicht nichts auszusetzen. Kavanaughs schöne, fesselnde Produktion beweist genau, warum Rodgers und Hammersteins Oklahoma! einen Sonder-Pulitzer-Preis gewann und zur Vorlage/Inspirationsquelle für alle modernen Musicals wurde. Es ist ein Meisterwerk – und Kavanaugh hat uns alle eindrucksvoll daran erinnert, warum das so ist.
Warum es nicht ins West End kommt, ist ein Rätsel, das Sherlock Holmes würdig wäre.
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