NACHRICHTEN
REZENSION: Lyrics und Lyricists, Theresa L Kaufmann Konzertsaal ✭✭✭
Veröffentlicht am
14. Januar 2015
Von
stephencollins
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V. l. n. r.: Kate Baldwin, Jason Danieley, Liz Callaway, Jeremy Jordan, James Clow, Heidi Blickenstaff. Bildnachweis: Courtesy 92Y Lyrics and Lyricists
Theresa L Kaufmann Concert Hall
92nd Street Y (Off-Broadway)
12. Januar 2015
3 Sterne
Was für eine grossartige Idee für ein Konzert: sechs Darsteller*innen, ein Erzähler und ein kleines Orchester, die sich dem Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Hal Prince und Stephen Sondheim widmen – begonnen ernsthaft mit Company und geendet in der Tragödie der desaströs aufgenommenen Premierenproduktion von Merrily We Roll Along. Und was für eine besonders hervorragende Idee, ausgerechnet David Loud als Erzähler einzusetzen – er war 1981 in der Originalbesetzung von Merrily We Roll Along.
Loud fungiert ausserdem als Artistic Director dieses Konzerts, das Teil der 45. Lyrics & Lyricists-Reihe ist – einer der führenden amerikanischen Songbook-Konzertreihen des Landes – und übernimmt darüber hinaus auch noch die Rollen des Musical Director sowie des Autors der verbindenden Moderationstexte.
Für diese Art Veranstaltung ist Loud wie geschaffen. Er präsentiert das Material trocken und mit guter komischer Wirkung, wirkt dabei nicht übertrieben anbiedernd und bringt wohltuende Offenheit sowie Klugheit in die Geschichten hinter der musikalischen Zusammenarbeit.
Wenn der Zweck der Reihe darin besteht, Liedtexte und Texter*innen ins Rampenlicht zu rücken, liefert die Kombination Sondheim/Prince zweifellos eine reiche Fundgrube. Die sechs Musicals, an denen sie als Regisseur sowie Texter/Komponist zusammenarbeiteten, decken stilistisch und in ihrer Wirkung eine enorme Bandbreite ab, und in jeder Show gibt es zahlreiche Nummern, die Sondheims Fähigkeiten als Lyriker unterstreichen.
Umso merkwürdiger ist es, dass die Auswahl hier seltsam vorhersehbar ausfällt und keinen wirklichen Einblick in die nahezu wundersame Meisterschaft von Sondheims Feder über diese sechs Musicals hinweg bietet. Er schreibt eigentlich nie schlechte Texte – aber es gibt durchaus Songs, in denen die Lyrics klüger, raffinierter und gewandter sind als die Musik. Wenn es darum ginge, Textkunst zu demonstrieren, wäre wohl kaum die erste Wahl Being Alive aus Company, oder Beautiful Girls aus Follies, oder Send in the Clowns aus A Little Night Music, Poems oder Pretty Lady aus Pacific Overtures, Johanna aus Sweeney Todd oder The Hills of Tomorrow bzw. Our Time aus Merrily We a Roll Along.
Nicht, dass das keine grossartigen Songs wären – die meisten sind es –, aber in nahezu jeder Partitur finden sich Lieder mit funkelnderen, clevereren oder pointierteren Texten.
Vermutlich soll das Konzert vor allem dem Publikum gefallen – und da sind vertraute Melodien natürlich willkommen. Ohne Frage. Doch in diesen sechs Shows gibt es reichlich grossartige Tunes, die ebenso grossartige Lyrics tragen und die man stattdessen hätte auswählen können – ja, vielleicht sogar müssen. Nur ein Beispiel: Sowohl Someone In A Tree als auch Please Hello haben deutlich bessere Texte als Poems oder Pretty Lady aus Pacific Overtures.
Bis zu einem gewissen Grad könnte die Songauswahl allerdings auch durch die Besetzung begrenzt gewesen sein – wobei man in New York eigentlich annehmen würde, dass es einen schier unerschöpflichen Pool an echtem Talent gibt.
Bei den Frauen gab es keinerlei Qualitätsprobleme: Liz Calloway, Kate Baldwin und Heidi Blickenstaff. Jede einzelne war herausragend.
Calloway war magisch mit Not Getting Married Today; ihre Artikulation und Intonation waren absolut perfekt, während sie sich durch Sondheims Hürden jagte. Das ist möglicherweise die beste Interpretation, die ich je von diesem Song gehört habe. Old Friends verlieh sie echtes Gefühl, Now You Know Mut und Verve. Ihr Send In the Clowns war kunstvoll schlicht. Die wohl beste Gesangsleistung des Nachmittags kam von Kate Baldwin: Nach einem tödlich präzisen und herrlich komischen Bless This Day lieferte sie eine üppige, sinnliche Solo-Jazz-Version von You Could Drive A Person Crazy, die – nun ja – das Publikum in einen regelrechten Begeisterungsrausch trieb. Danach folgte ein sexy und trocken-witziges Could I Leave You?; atemberaubend gut. Bei Hills of Tomorrow zog sie das kurze Strohhalm-Los, doch ihre Kunst und ihr erhabener Charme hauchten dieser vernachlässigten Nummer neues Leben ein. Als dritte im Bunde der stimmlichen Femme fatales eröffnete Heidi Blickenstaff ihren Part mit einer energetischen, stimmlich grossartigen Darbietung des Zungenbrechers Another Hundred People. So gut sie es auch sang: Blickenstaff ist einfach zu jung, um dem Schmerz in den Lyrics von Losing My Mind wirklich voll gerecht zu werden – dafür erwies sie sich als grossartige und eigenständige Mrs Lovett im starken Finale des ersten Akts von Sweeney Todd, A Little Priest. In Not A Day Goes By leistete sie hervorragende Arbeit, besonders in der Version, die Teil des Finales war. Diese fabelhaften Frauen trugen zudem wesentlich zu Ensemble-Nummern bei, darunter A Weekend In The Country, Remember, Our Time, The Advantages of Floating In The Sea und The Ballad of Sweeney Todd. Brava an jede von ihnen.
Die Männer strahlten dagegen deutlich weniger.
Der Beste von ihnen war James Clow: gross gewachsen, mit Präsenz und einem echten Bassbariton-Umfang. Unerklärlicherweise bekam er keine eigene Solonummer, aber er war ein hervorragender Todd in A Little Priest und hätte Sorry-Grateful allein singen dürfen. Auch in Pretty Lady war er der beste Sänger. Schade, dass er seine stimmlichen Fähigkeiten nicht wirklich ausspielen konnte.
Sowohl Jeremy Jordan als auch Jason Danielly wirkten im Sondheim-Repertoire völlig überfordert.
Daniellys Stimme ist in der Mittellage nicht stabil genug und neigt oben zu einer wattigen Schärfe; zudem scheint er von den Lyrics vollkommen abgekoppelt. Die Eröffnungsnummer, seine Version von Good Thing Going, hätte die Show beinahe abgewürgt, bevor sie überhaupt begonnen hatte – und hätte das gute Publikum fast zur Tür hinausgetrieben … Und auch alles, was danach kam, wurde nicht wirklich besser. Gepflegtes Haar macht noch keinen begabten Sänger. Jordan, mit einem Bart, der ihn aussehen liess, als sei er gerade rechtzeitig zum Sabbat an der Flatbush Avenue ausgestiegen, und mit einer Aura fehlplatzierter Arroganz, lächelte sich durch Song um Song, ohne weder die Bedeutung der Worte noch die Leidenschaft der Melodien zu finden. Rätselhaft. Jordan kann im richtigen Fahrzeug durchaus beeindruckend sein – aber Sondheim ist offenbar nicht das richtige. Sein Being Alive war tot, sein God-Why-Don't-You-Love-Me-Blues beantwortete seine eigene Frage, und sein Duett mit Danielly, Poems, war schlicht grauenhaft. Und erinnert mich bloß nicht an ihre Akzente in Pretty Lady. Um Himmels willen … Allerdings gab es ein strahlendes Finale: Alle sechs arbeiteten hart daran, sich zu einem neuen Ganzen zu verbinden. Ein Sextett als Mash-up aus Not A Day Goes By, Send In The Clowns, Could I Leave You, Pretty Lady, Being Alive und Sorry Grateful: sechs Darsteller*innen und sechs Songs aus sechs Shows. Sondheim 666 – und es funktionierte wunderbar. Das war ein vergnüglicher Nachmittag mit grossem Sondheim-Material. Eine bessere Besetzung der Männer hätte mehr gebracht, ebenso eine klügere Songauswahl. Aber für 25 Dollar – mit Orchester und einigen fabelhaften Frauen, die sich die Seele aus dem Leib sangen – war es ein absolutes Schnäppchen. Und ehrlich: Der Preis war schon allein dadurch gerechtfertigt, dass man Loud den Brief vorlesen hörte, den Richard Rodgers nach dem Debüt von Company an Prince und Sondheim schrieb.
Ein Konzert mit fundierten Einsichten und einigen herausragenden Darbietungen. Wenn nur die Männer nicht die Gesamtbilanz verdorben hätten.
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