NACHRICHTEN
REZENSION: Hamnet, Garrick Theatre London ✭✭✭
Veröffentlicht am
21. Oktober 2023
Von
timhochstrasser
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Tim Hochstrasser bespricht die RSC-Produktion von Hamnet, die derzeit im Garrick Theatre London zu sehen ist.
Madeleine Mantock, Tom Varey und Ajani Cabey. Foto: Manuel Harlan Hamnet
Garrick Theatre
3 Sterne
Maggie O’Farrells Roman gehörte zu den literarischen Erfolgen der Lockdown-Zeit: Sein lyrischer Blick auf Familie, den Umgang mit Trauer und die Trennlinie zwischen Stadt- und Landleben traf den Nerv der Zeit. Lolita Chakrabati hat den Roman für die RSC in Stratford dramatisiert, wo die Inszenierung im April Premiere hatte; nun kommt sie nach London – in der Regie von Erica Whyman.
Tom Varey und Madeleine Mantock. Foto: Manuel Harlan
Als Erstes muss man sagen: Das Stück unterscheidet sich deutlich vom Roman. Während der Roman – wie derzeit so viele – mit Zeit und Chronologie spielt, bekommen wir hier eine recht geradlinige Erzählung: beginnend mit Shakespeares Werbung um Anne/Agnes Hathaway und mit einer ausführlichen, vielleicht zu ausführlichen Darstellung ihres familiären Umfelds in Stratford. Erst in der zweiten Hälfte lernen wir ihren Sohn Hamnet wirklich kennen und beginnen, seine Bedeutung für das Stück zu begreifen. Vielleicht war das eine notwendige, ja unvermeidliche Veränderung – zeitliche Sprünge und ständige Szenenwechsel können im Theater, selbst mit modernster Technik für schnelle Übergänge, zeitaufwendig und ermüdend sein. Was im Kopf und in der Vorstellungskraft der Lesenden funktioniert und nachhallt, muss auf der Bühne anders gebaut werden. Das wirft allerdings die Frage auf, ob tatsächlich jeder Roman für eine Bühnenadaption taugt. Manchmal lässt man eine künstlerische Leistung besser in ihrer ursprünglichen Form ungestört…..
Mhairi Gayer, Alex Jarrett, Madeleine Mantock und Ajani Cabey. Foto: Manuel Harlan
Das Stück folgt der Prämisse, dass einige zentrale Shakespeare-Themen von Ereignissen in seinem Privatleben geprägt wurden – über das wir bekanntlich nur wenig wissen. Aber wir wissen, dass ein einschneidendes Ereignis der Tod seines Sohnes an der Pest war: Hamnet starb 1596 im Alter von elf Jahren. Hier wird nahegelegt, dass bereits das Schreiben von „Hamlet“ und mehrere seiner zentralen Motive aus dieser Tragödie hervorgingen. In der zweiten Hälfte wird das sehr direkt deutlich, wenn der Darsteller, der Hamnet spielt, in einer Schlussszene wieder erscheint und einen Monolog aus dem Stück auf einer nachgebauten Globe-Bühne spricht.
Doch bei aller Sorgfalt und dem spürbaren Talent, das in diese Produktion geflossen ist, wird zu viel erklärt und zu wenig gezeigt. Es gibt viel Exposition und zu wenig Drama, das organisch aus dem Material selbst entsteht. Die Dringlichkeit von Hamnets Wunsch, seine Zwillingsschwester zu retten, während er sich selbst opfert, und die kulminierenden Szenen in London gleichen letztlich die Kleinteiligkeit des häuslichen Lebens in Stratford nicht aus – so verdienstvoll es auch ist, Agnes Hathaway als eigenständige Figur wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Peter Wright und Karl Haynes. Foto: Manuel Harlan
Der Fairness halber muss man sagen: Auf Produktionsseite gibt es viel zu loben. Bühnenbildner Tom Piper hat ein erstaunlich flexibles Set entworfen, das auf wirklich erfinderischer Großtischlerei beruht. Ein buchstäblicher „A-Frame“ dominiert die frühen Szenen, wenn Will und Agnes ihr Eheleben im Anbau seiner Eltern beginnen. Von dort aus öffnet sich die Bühne auf mehreren Ebenen, bis im Finale schließlich der Globe selbst erscheint – komplett mit Balkonen, die sich mit dem Innenraum des Garrick Theatre verschränken und uns alle in einem schönen, ganz wörtlich theatralen Schulterschluss zum Schlussbild zusammenbinden.
Ensemble und Produktionswerte sind sorgfältig durchdacht und überzeugend umgesetzt. Es ist ein echtes Ensemble-Stück: Die Darstellenden bewegen auch Möbel und Requisiten – flüssig und glaubwürdig, sodass die Handlung in Bewegung bleibt. In der Hauptrolle der Agnes zeichnet Madeleine Mantock ein starkes, stimmiges Porträt einer unterschätzten Frau, der O’Farrell schamanische Kräfte und eine störrische Unabhängigkeit mitgegeben hat. Tom Varey hat die schwierige Aufgabe, Shakespeares Entwicklung vom unbeholfenen, wenn auch gebildeten jungen Mann zum professionellen Dramatiker zu zeigen – und der Text macht es ihm nicht leichter, weil er weder genug liefert, um seine Entwicklung in London wirklich zu erklären, noch ihn schlicht zu einer Chiffre macht, die man nur durch die Augen seiner Frau sieht.
Frankie Hastings und Tom Varey. Foto: Manuel Harlan
In den Nebenrollen gibt es einige wirklich starke Leistungen. Wir sehen viel von Wills Eltern, vor allem von seinem tyrannischen, betrunkenen und unehrenhaften Vater John, der Handschuhmacher war. Tatsächlich gehört zu den stillen Stärken des Stücks, wie Handschuhe und Hände immer wieder als Bezugspunkte auftauchen – so wie später auch in Shakespeares eigenen Stücken. Diese häusliche Welt, angeführt von Peter Wight als Vater und Liza Sadovy als Mutter, ist glaubwürdig, doch es ist schlicht zu viel davon, es fehlt an wirklichem theatralen Biss – abgesehen vom Eingreifen von Sarah Belcher als unvergesslich giftiger Stiefmutter. Deutlich lebendiger wird es, wenn im zweiten Akt die Kinder ins Zentrum rücken. Hier gibt es drei bezaubernde, eigenständige Porträts von Phoebe Campbell, Alex Jarrett und Ajani Cabey – voller Energie und Pathos.
So viele fragmentarische Vergnügen und Belohnungen die Inszenierung insgesamt auch bietet: Am Ende ist sie nicht mehr als die Summe ihrer talentierten, sorgfältig zusammengesetzten Teile.
Im Garrick Theatre bis zum 17. Februar 2024
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