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KRITIK: Das Weiße Rössl, Renaissance-Theater Berlin ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

julianeaves

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Julian Eaves bespricht Im Weissen Rössl, derzeit zu sehen im Renaissance Theater, Berlin.

The White Horse Inn (Im Weissen Roessl)Renaissance Theater, Berlin 5 Sterne Tickets buchen Als diese grandiose Operette (oder Musicalkomödie) 1930 erstmals herauskam, wurde sie zur internationalen Sensation.  Umgehend ins Englische übertragen und mit reichlich neuem Material stark erweitert, zog sie bereits im Jahr darauf ins London Coliseum, wo sie 651 Vorstellungen lang lief – damals eine echte Serie – und das heute kaum vorstellbare Spektakel einer Besetzung von 160 Mitwirkenden, drei Bands und einem riesigen Chor bot.  Cameron Mackintosh versucht vermutlich noch immer zu ergründen, wie es zudem gelang, das gesamte Budget von 60.000 £ einzuspielen, noch bevor die Produktion überhaupt eröffnet hatte.  Vollgepackt mit herrlichen Melodien von Ralph Benatzky, Robert Stolz und Bruno Granichstaedten, mit literarisch-poetischen Liedtexten von Robert Gilbert und einem Buch von Hans Mueller-Einigen und Erik Charrell nach einem Originalstück von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelberg, ist das Werk ein Musterbeispiel gelungener Zusammenarbeit.  Doch das Letzte, was man wahrscheinlich davon mitbekommen hat, war, wenn es in gelegentlichen Witzen von Hinge and Brackett auftauchte – als Symbol für alles, was längst verblasst ist, als Objekt peinlich berührter Verspottung. Nichts davon bereitet einen auf das vor, was das findige Renaissance Theater in Berlin hier wieder zum Leben erweckt hat.  Als Überraschungserfolg der vergangenen Sommersaison kehrt die Produktion diesen August zurück – und dürfte erneut ein Riesenpublikum anziehen.  Allerdings in einer Form und mit einer Handschrift, die weiter kaum von der ursprünglichen Erscheinungsweise entfernt sein könnte. Mit nur neun Darstellerinnen und Darstellern beginnt der Abend ganz konsequent damit, jede einzelne Erwartung, die man vielleicht mit ins Theater gebracht hat, über den Haufen zu werfen.  In einer Art schwüler Dämmerung sitzt das Ensemble – in einem Mix aus zeitgenössischer und traditioneller österreichischer Kleidung – am Bühnenrand, die Beine zum Publikum baumelnd, und trägt die berühmteste Nummer der Show, einst als zünftiger, mitreißender Walzer bekannt, als atemloses, gehauchtes Wiegenlied vor.  Eine Sopranistin möchte sich steigern und lauter werden, doch der Rest des Ensembles hält sie zurück: Das ist der erste Gag der Inszenierung – und viele weitere folgen –, aber sie dienen alle demselben klugen Zweck: uns zum Innehalten zu bringen, damit wir wirklich zuhören und darauf achten, was geschieht und wie Menschen sich verhalten.  So hören wir jedes einzelne Wort des fein gearbeiteten Textes (Hannah Arendt war eine große Bewunderin Gilberts und verglich ihn mit keiner geringeren Gestalt als Heinrich Heine) – und werden in eine üppige Welt der Vorstellungskraft hineingezogen, in der Träume tatsächlich wahr werden.  Und doch ist es auch eine Welt, in der wir uns unseres Verhaltens und unserer Begegnungen miteinander sehr bewusst sein müssen.  Das ist ein brillanter Auftakt von Regisseur Torsten Fischer – der erste von vielen Meisterzügen, die diese Produktion zu einer der eindrucksvollsten machen, die ich seit Langem gesehen habe. Wenn Gerhard Littaus präzises Licht hochfährt, sehen wir nicht nur Herbert Schaefer und Vasilis Triantafillopoulos’ großartiges Bühnenbild: den hölzernen Innenraum einer großzügig dimensionierten, dabei dennoch schlichten und heimeligen Alpenherberge – sondern auch die fünfköpfige, auf der Bühne platzierte Volksmusik-Band, die uns auf eine unvergessliche musikalische Reise mitnimmt: eine Art Mini-Orchester mit Klavier, Akkordeon, Viola, Mundharmonika (Harry Ermer – zugleich musikalischer Leiter und Arrangeur), Schlagwerk, Hackbrett, Flöte (Volker Fry), Cello, Trompete (Johannes Severin), Violinen (Angelika Feckl) sowie Kontrabass und Tuba (Otwin Zipp/Dirk Schmigotzki).  In den Händen dieser bemerkenswerten Musikerinnen und Musiker wandert die Partitur – bei aller Treue zu den gesungenen Linien der Figurenstimmen (und mit gelegentlichen Verweisen auf die vielen dicht gesetzten Chorpassagen, in denen sechsstimmige Harmonie eher Regel als Ausnahme war) – durch ein kaleidoskopisches Spektrum musikalischer Stile und Idiome: von Kirchenliedhaftem bis Rap, über Folk, Schlager und Rock ’n’ Roll bis hin zu den vertrauten Rhythmen der österreichisch-deutschen Operette. Es ist eine ebenso erfrischende wie aufregende Reise – so belebend wie jede Wanderung durch die Hügel und Berge des Salzkammerguts rund um den hübschen Wolfgangsee, an dessen beengtem Ufer einst das zierliche „Grand Hotel“ des Titels lag, längst abgerissen und durch einen gigantischen Bau ersetzt, der besser geeignet ist, die Tausenden von nostalgiehungrigen Besucherinnen und Besuchern aufzunehmen, die jeden Sommer hineinströmen – und zu denen ich mich selbst mit Vergnügen zählen darf.  Doch diese Show lässt einen über das Blendwerk der Sonne auf der Wasseroberfläche hinausblicken; sie lässt einen in die Herzen der Menschen schauen, die hier leben und arbeiten, und auch derjenigen, die auf ihren saisonalen Wanderbewegungen nur vorbeiziehen.  Herausragend darunter ist die zentrale Figur – und der Hauptanziehungspunkt für alle, die diese Produktion sehen wollen – der fürchterliche Sigismund Sülzheimer: eine groteske Karikatur des spießigen Berliner Bürgers, der einmal im Jahr dem Schmutz und Grau der Großstadt entfliehen und in eine ländliche Idylle ausbrechen möchte … unter der Bedingung allerdings, dass alles – und damit wirklich alles – exakt so bleibt wie zu Hause in Berlin.  Die Unmöglichkeit, diese Fantasie zu verwirklichen, ist der Hauptmotor der Komik, und es ist ein großes Vergnügen, in einem Berliner Publikum zu sitzen, das sich in dieser Figur wiedererkennt und nicht nur über ihn, sondern auch über die eigene Wichtigkeit und störrische Unbeweglichkeit lacht.  Tatsächlich hört es auf, „nur“ Theater zu sein, und wird eher zu einer Art Gruppentherapie. Um diese gewinnende Persönlichkeit – der Ralph Morgenstern in seiner flammenden Verkörperung eine herrlich lärmende Glaubwürdigkeit verleiht (er spielt ihn als Mischung aus König Lear und Don Pasquale) – kreist ein ganzes System weiterer faszinierender Charakterporträts.  Die Wirtin Josepha (Winnie Böwe, eine Erscheinung, mit der zu rechnen ist) ist nur allzu bereit, Geschäft und Vergnügen zu verbinden, spielt jedoch die Avancen ihres Zahlkellners Leopold (der wunderbar geschmeidig klingende und überaus attraktive Andreas Bieber) aus zugunsten des gesellschaftlich höherstehenden Gasts, des Anwalts Dr. Otto Siedler (der charmante Tonio Arango) – der zufällig den Vater von … Sülzheimer vertritt, woraufhin Sülzheimer selbst prompt Interesse an der Wirtin entwickelt.  Komplett wird das Verwirrspiel durch die zarte Annäherung des verschmähten Leopold und Ottilie (die köstliche Soubrette Annemarie Brünntjen), der Tochter eines weiteren Gasts, des Fabrikbesitzers Wilhelm Giesecke (eine noch groteskere Darstellung bürgerlich-preußischer Aufschneiderei: Boris Aljinovic), der seinerseits Ottilie mit Sülzheimer verheiraten möchte – und damit eine geschäftliche Rivalität in eine Fusion verwandeln würde.  Damit ist die Bühne bereitet für reichlich romantische Verwicklungen, um nicht zu sagen: Farce.  Der Handlungsverlauf ist perfekt verwoben mit einer Folge hinreißender, wunderbar charaktervoller Musiknummern, zu denen Karl Alfred Schreiners Choreografie glänzend auf die wechselnden Muster der Liebschaften und Schicksalswendungen reagiert und exakt mit Fischers sicherem Timing der komischen Volten synchronisiert ist.  Vervollständigt wird das wandlungsfähige Ensemble durch einen weiteren Gast, Professor Hinzelmann (Walter Kreye), Klärchen, seine Tochter (Nadine Schori), sowie das Jodel-Wunder Angelika Milster (in verschiedenen Rollen). Man muss dafür übrigens nicht fließend Deutsch sprechen: Englische Übertitel werden für alle sichtbar projiziert – allerdings muss man beim Lesen schnell sein, denn die Dialoge kommen Schlag auf Schlag und stecken voller Pointen.  Es gibt sogar den geheimnisvollen Auftritt des ehemaligen österreichisch-ungarischen Kaisers und Königs, Erzherzog Franz Joseph II.  Seine „Erscheinung“ bekommt fast etwas Mystisches: ein Gespenst aus einer vergangenen Epoche, beinahe ein Deus ex machina, der kommt, um die Handlung zu ordnen und ein Happy End zu ermöglichen.  Wieder erinnert es uns an diese halbdunkle Eröffnung: Hier, am Wolfgangsee, balancieren wir auf der Schwelle zwischen dieser Welt und einer anderen – einer Welt reinen Glücks, in der wir unser Herz verlieren und die – sobald wir sie verlassen – uns in einem wechselseitig bittersüßen Trennungsschmerz vermisst.  Ähnlich wie der Akt des Koitus selbst dient die Traurigkeit über das Ende unseres Urlaubs nur dazu, unsere köstliche Wertschätzung seiner Freuden zu steigern und unsere Sehnsucht zu verstärken, das Erlebnis zu wiederholen.  Nächsten Sommer!

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