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REZENSION: Stray Dogs, Park Theatre 90 London ✭✭
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Von
julianeaves
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Julian Eaves rezensiert die Weltpremiere von Stray Dogs, präsentiert von Dead Letter Perfect – derzeit am Park Theatre in London zu sehen.
Ian Redford (Joseph Stalin) und Olivia Olsen (Anna Achmatowa). Foto: Nick Rutter Stray Dogs
Park Theatre 90
15. November 2019
2 Sterne
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Derzeit scheint die Londoner Theaterszene regelrecht von Eitelkeitsprojekten verstopft zu werden – wie passend zur aktuellen politischen Großwetterlage. Und hier kommt gleich das nächste! Olivia Olsen ist der antreibende Ego-Motor hinter – und auch vor – diesem Unternehmen: Sie ist außerdem das einzige Mitglied der Truppe, dessen Foto auf Flyer, Plakat und im Programmheft prangt. Und das Park Theatre ist der Spielort, den sie – irgendwie – dazu überredet hat, sie in all ihrer Pracht zu präsentieren.
Ben Porter als Isaiah Berlin. Foto: Nick Rutter
Vordergründig ist dies ein Stück über die sowjetische Dichterin Anna Achmatowa und ihre stürmische Beziehung zu Josef Stalin, der – nachdem er die größten patriotischen Geschichtenerzähler seiner Zeit aus dem Weg geräumt hatte – mit einem demoralisierten Volk dastand, das aufgeheitert werden musste, um den Großen Vaterländischen Krieg gegen seinen einstigen Freund-Feind-Freund, Nazi-Deutschland, führen zu können. Nachdem er bereits ihren Ehemann ermordet hatte, nutzte Stalin ihren inhaftierten Sohn als Köder, um sie zur Zusammenarbeit zu bewegen; und jedes Mal, wenn sie aus der Reihe tanzte, setzte er dieses Katz-und-Maus-Spiel fort – manchmal ließ er sie sogar glauben, er sei tot, nur um sie zurück in die Unterwerfung zu schocken. Es ist eine starke Geschichte: ein Autokrat gegen eine Künstlerin – ein Motiv, das schon oft verwendet wurde und zweifellos immer wieder auftauchen wird. Stalin als Stoff für Dramatisierungen ist eine sichere Bank, und auch hier – wie schon so, so oft – sticht er alle aus, besonders dank der erstklassigen Verkörperung durch Ian Redford (der eine Grund, weshalb man diese Produktion sehen sollte).
Redford nutzt sein Instrument – seinen bärigen Körper, seine prachtvoll vielseitige und ausdrucksstarke Stimme – bis zum Maximum und füllt jede Ecke des kleinen, kastenartigen Theaterraums, der hinten im Gebäude versteckt liegt, ohne jemals zu groß zu spielen. Ebenso ist er Meister des brütenden Stillstands und der eisigen Kontrolle, jede Geste ist auf maximale Wirkung berechnet. Ihm zuzusehen und zuzuhören ist ein Vergnügen – zugleich aber auch ernüchternd, wie sehr er die beiden anderen Darsteller in diesem Drama überragt. Der andere Mann, Ben Porter, war schon viel, viel besser als hier: als farbloser Isaiah Berlin, der – so sollen wir glauben – nach Russland zurückkehrt, um bei der Frau zu sein, die er einst liebte … ja, Sie ahnen es: der ewig wichtigen Olsen. Ich meine natürlich: Achmatowa.
Olivia Olsen (Anna Achmatowa) und Ben Porter (Isaiah Berlin). Foto: Nick Rutter Was die „Hauptdarstellerin“ selbst angeht: Nun ja – sie liefert eine monoton geschniegelt-züchtige Darstellung der Rolle, die sie sich für die Schriftstellerin zurechtgezimmert hat: von Kopf bis Fuß die asexuelle Blaustrümpfin, während Stalin eine Liste ihrer Liebhaber herunterrattert und wir ungläubig zuhören. In einem anderen Moment nennt er sie eine „C**t!“ Wenn Sie unbedingt noch eine weitere Frau als gemartertes Opfer und Fußabtreter sehen müssen, dann eilen Sie ins Park zu diesem zweifelhaften Erlebnis. Und als wäre es nicht genug, eine mittelmäßige Schauspielerin zu sein, bestätigt Olsen hier auch, dass sie – grob gesprochen – eine inkompetente Dramatikerin ist. Die Szenen mit Stalin sind – im Allgemeinen – die stärksten; doch man neigt zu der Überlegung, dass das zum großen Teil an Redfords hervorragender Leistung liegt (und an Peter Wrights Hilfe am Text). Die Szenen ohne ihn hingegen sind so flach und so arm an theatraler Fantasie, dass es wirklich kaum zu glauben ist, das Park könne sie für präsentationswürdig gehalten haben. Wenn man dort wirklich ein gutes Stück über das Verhältnis von Autokraten zu ihrem Volk braucht, dann holt Corneille zurück auf den Spielplan: Das macht niemand besser.
Im Programmheft dankt Olsen vielen Menschen, darunter „Antony Eden, Producer … der jede Herausforderung mit der geschicktesten Lanze meistert, die man sich vorstellen kann“. Hmmm. Sie schreibt in ihrem kleinen Beitrag so manches Merkwürdige: „Stray Dogs ist eine Quintessenz: die Essenz, das Argument und die Qualitäten von drei Menschen, basierend auf Recherche, in eine theatrale Erzählung gefasst“. Wenn ihre Stücktexte mit ähnlich bizarrer Grammatik und Zeichensetzung (oder deren Abwesenheit) geschrieben sind, wüsste ich mitunter nicht, was sie eigentlich meint.
Regisseur Robin Herford tut, was er kann, um die Schwächen des Textes zu kaschieren. Offensichtlich ist er am glücklichsten, wenn er mit einem wirklich guten Schauspieler wie Redford arbeiten kann, und gerät meist ins Stocken, wenn es darum geht, Olsen und den hier so lethargischen Porter zu führen. Großartige Unterstützung bekommt er durch Clancy Flynns Licht – eines der wenigen Dinge, die in dieser Inszenierung strukturell Sinn ergeben. Paul Colwell liefert ein interessantes, aber nicht immer hilfreiches Bühnenbild; seine Kostüme funktionieren besser – besonders, indem er Olsen in ein hauchdünnes blaues Kleid steckt – wenn je ein Text einen Rotstift gebraucht hat, dann ihrer. Harry Johnsons atmosphärischer Sound ist perfekt und mischt die Geräusche ihrer Welt mit erhabener Musik, die aus dem bedrückenden Regime heraus emporsteigt.
Insgesamt brauchte ich am Ende von „Stray Dogs“ selbst einen – zum therapeutischen Streicheln.
Bis 7. Dezember 2019
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