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KRITIK: Skylight, Wyndham's Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Carey Mulligan und Bill Nighy in Skylight. Wyndham’s Theatre Skylight
Wyndham’s Theatre
17. Juni 2014
5 Sterne
Woran erkennt man herausragende Schauspielkunst? Misst man sie an der Reaktion am Abend der Vorstellung – daran, wie der/die Schauspieler*in als Zuschauer*in zu einem spricht, einen an die Figur glauben lässt und auf eine emotionale, eindringliche Reise mitnimmt? Misst man sie daran, wie man sich während des Schauens fühlt – oder wie, wenn der Vorhang fällt – oder später zu Hause, bei einer Tasse Tee, einem Glas Wein oder beim Zähneputzen? Ist es eine Frage davon, wie gut man schläft oder woran man als Erstes denkt, wenn man morgens aufwacht? Oder ist es der Moment, wenn man viel später, in stillen Augenblicken, plötzlich Fetzen der Aufführung wieder vor sich hat – als würde sie einen verfolgen, sich ins Unterbewusstsein eingebrannt haben?
Wie auch immer die Antwort ausfällt: Die Leistungen in David Hares bemerkenswertem Skylight, jetzt am Wyndham’s Theatre von Stephen Daldry neu herausgebracht, erfüllen all diese Kriterien. Während ich auf das Öffnen einer E-Mail warte, taucht plötzlich das Bild von Carey Mulligans Kyra auf: der Mund entschlossen, doch die Lippe leicht bebend, die Augen vor Wut flammend, eine Träne störrisch die Wange hinab. Beim Umrühren des Tees, während er zur richtigen Stärke zieht, spüre ich auf einmal den Schwall aus verstörter, aufbrausender Rage – launisch gemischt mit schlichter Unbegreiflichkeit – aus Bill Nighys imponierend reichem und rundheraus absurdem Tom. Und in der Tube muss ich plötzlich lächeln bei dem Gedanken an den sanften, gebrochenen und doch hoffnungsvollen Edward (Burberry-Model Matthew Beard) und seine alberne, aber herrlich ehrgeizige Frühstückslieferung aus dem Ritz.
Das sind Darstellungen von grosser Kunstfertigkeit, Tiefe und Nuance – und jede besitzt ein schimmernd verführerisches Nachleben. Grossartig. Aufführungen, die bleiben, die nachwirken.
Hares Stück wurde 1995 uraufgeführt, als sich England gerade von etwa fünfzehn Jahren konservativer Regierung erholte – von einer Zeit, in der Geld als wertvoller und wichtiger galt als Menschen, Familien, Gemeinschaften und Industrien. Hares Stück ist eine scharfe Abrechnung mit diesen Werten, mit jener Epoche.
Doch zugleich ist es der letzte Akt einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte und ein Walzer – oder eine Reihe von Walzern – zwischen Menschen, die einander lieben, aber nicht zusammen sein können. Es singt, schreit, schluchzt und ficht. Da sind Pausen, die Pinter würdig wären. Und doch ist es wahrhaftig, fesselnd und erquicklich aufregend.
Bob Crowleys Bühne ist verblüffend. Kyras düstere Wohnung in Kensal Rise bildet den zentralen Spielraum – ein Ort, der an frühere Zeiten erinnert, an eine vertraute Alltagsarmut und an ein Gefühl von anhaltender Gefangenheit. Es ist geradezu archetypisch schäbig. Die Ahnung einer tiefen, undurchdringlichen Kälte ist überwältigend. Alles funktioniert – aber niemand möchte dort wohnen.
Das Geniale an Crowleys Einfall ist jedoch, dass er die Wände der Wohnung beweglich macht, sodass sie zurückweichen können und Kyras Enge immer wieder sichtbar wird. Es gibt keine Aussenwand; so sieht man den Gang vor der Wohnung ebenso wie den Innenhof und die Bäume der Anlage und das hohe, blanke Hochhaus gegenüber, das auf Kyras Gebäude blickt.
Das Gefühl, beobachtet und beurteilt zu werden, ist allgegenwärtig – ebenso wie das Bewusstsein von Gesellschaft: Teil von etwas zu sein und doch davon getrennt. Und in den letzten Szenen, wenn Schnee fällt, liegt eine erfrischende Schönheit in der Umgebung, die Hoffnung, Übergang und Entwicklung andeutet. Schliesslich, als Kyra und Edward das improvisierte, alberne Frühstück teilen – wie zwei abtrünnige Kinder, die blau machen –, gehen in der beobachtenden Front der Wohnungen die Lichter unregelmässig an: ein Unterstreichen des Beginns eines neuen Zyklus, der Hoffnung auf das, was kommt.
Crowley ist unbestreitbar ein Genie, und seine aussergewöhnliche Bühne hier verstärkt und veredelt Hares Text auf erstaunliche, sehr kluge Weise. Besonders raffiniert ist sein Einsatz der leeren Höhe im bemerkenswert hohen Bühnenraum: Man fühlt Kyra ganz unten – und zugleich ist sie frei. Und fähig, grosse Höhen zu erreichen. Diese verblüffende Dichotomie ihrer Figur spiegelt sich im Bühnenbild.
Die Handlung ist zugleich verschlungen und schlicht. Tom war lange mit Alice verheiratet. Edward war ihr ältester Sohn. Tom begegnete Kyra, als sie 18 war, und verliebte sich leidenschaftlich in sie. Auch Kyra verfiel ihm, fand ihn berauschend. Tom war ein Selfmade-Millionär – ein Junge aus dem East End, der zum internationalen Star-Koch und Restaurantunternehmer wurde. Kyra lebte und arbeitete sechs Jahre lang bei der Familie, liebte Alice und die Kinder – und setzte die Affäre mit Tom nur unter der Bedingung fort, dass sie gehen würde, falls Alice jemals davon erführe. Eines Tages findet Alice Briefe, die Kyra Tom geschrieben hat; die Affäre fliegt auf, und Kyra verschwindet ohne ein Wort aus Toms (und Alices und Edwards) Leben.
Drei Jahre später ist Alice gestorben, Kyra arbeitet als Lehrerin, und Edward kommt zu ihr, um herauszufinden, warum sie gegangen ist. Später am selben Abend taucht Tom auf und will ebenfalls Antworten. Kyra und Tom lieben sich noch immer – doch keiner ist bereit, in der Welt des anderen zu leben.
Der Tanz zwischen den drei Figuren – während die Vergangenheit gestellt, die Gegenwart geprüft und die Möglichkeiten der Zukunft seziert und zertrümmert werden – bildet das Herzstück. Die Würze kommt von Hares Skalpell, das die britische Gesellschaft in Sachen Klasse, Ambitionen, Ängste und Kompromisse präzise aufschneidet. Daldrys gewandte, reduzierte und präzise Regie brennt beide Seiten des Arguments frei und presst den ganzen Saft und das Mark aus der Möglichkeit, die das Stück bietet.
Nighy ist grossartig als polternder, geldliebender Patriarch, der verzweifelt seine junge Frau zurückhaben will, nicht begreift, warum und wie er sie verloren hat, und überhaupt nicht versteht, weshalb sie das Elend ihrer Wohnung einem Anwesen in Wimbledon und einem Luxusleben an seiner Seite vorzieht. Er schreitet wie ein Panther – schlank, seidig, gefährlich –, explodiert mit einer Heftigkeit, die aus dem Küchenleben stammt, und fällt in sich zusammen, wenn er der kalten Weigerung seiner Geliebten gegenübersteht, nachzugeben. Er ist komisch, ausser sich und vollkommen echt.
Mulligan ist auf die eine Weise herrlich zerbrechlich, auf die andere stählern und vollkommen ruhig. Mit makelloser Sicherheit balanciert sie zwischen der jungen, beeinflussbaren Geliebten und der beredten, weltgewandten, weitblickenden Frau. Sie reisst Kyras Seele auf, legt sie frei und formt sie dann neu – heilt sich selbst, dort, auf der Bühne des Wyndham’s. Es ist eine schöne, präzise und packende Darstellung.
Beard ist eine Offenbarung. Zunächst wirkt er überzogen, doch im Verlauf des Stücks wird klar, dass seine Arbeit zu Beginn glänzend austariert ist. Denn Edward ist, wenn wir ihn kennenlernen, ein gebrochener, verlorener, überforderter Mann im Kindskörper – und Kyras Abwesenheit aus seinem Leben sowie die Wirkung dieser Abwesenheit auf seine Eltern haben ihn so gemacht. Die kurze, zerklüftete Begegnung mit Kyra jedoch trägt viel dazu bei, ihn (und sie) zu heilen; wenn er später wieder erscheint, ist die Veränderung zunächst überraschend, ergibt aber bald vollkommen Sinn. Der neue Morgen wird nicht nur durch die aufgehende Sonne am Himmel angezeigt; der aufsteigende Sohn mit dem Frühstück ist ebenso eindrucksvoll.
Das ist jene Art von erstklassiger Arbeit, für die das West End berühmt ist: leuchtend, mitreissend und unvergesslich.
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