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REZENSION: Old Stock, Wilton's Music Hall London ✭✭✭✭
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helenapayne
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Helena Payne rezensiert Old Stock, präsentiert vom kanadischen Ensemble 2b Theatre, derzeit im Wilton’s Music Hall zu sehen. Ben Stock in Old Stock. Foto: Stoo Metz Photography Old Stock Wilton’s Music Hall 4 Sterne Tickets buchen Old Stock im Wilton’s bezeichnet sich selbst als „A Refugee Love Story“, ist aber zugleich ein hochaktueller Kommentar des kanadischen 2b Theatre zum Thema Migration: was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und sich in einem fernen Land ein neues Leben aufzubauen. An einem Tag, an dem auf der ganzen Welt Kinder und Jugendliche streiken und entschlossenes Handeln gegen den Klimawandel fordern, liegt die Relevanz dieser individuellen Geschichte auf der Hand – ebenso wie ihre Übertragbarkeit auf die globale Massenmigration, die wir zunehmend erleben. Das Ensemble von Old Stock. Foto: Stoo Metz Photography Wilton’s warmes, wunderschönes Music Hall ist für Old Stock eine passende Spielstätte, denn die Produktion lässt sich fast nicht einordnen. Irgendwie Theater – irgendwie Cabaret – irgendwie Gig: Das charmante, widerstandsfähige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert heißt Arbeiten willkommen, die in konventionelle Theaterräume nicht recht hineinpassen. Auf der Bühne steht ein imposanter „Schiffscontainer“ – das universelle Symbol für ein Leben im Transit. Daraus stürmen die Spielenden hervor, angetrieben von der puren Wucht des Singer-Songwriters Ben Caplan in der Rolle des „Wanderers“. Er erzählt und moderiert den Abend und berichtet die Geschichte von Chaya und Chaim, die vor den Pogromen in Osteuropa flohen, um sich in Kanada niederzulassen. Gekleidet wie ein verrückter Hutmacher auf Speed packt er uns von der ersten Minute an – doch es sind vor allem sein Tom-Waits-ähnlicher Gesang, die ausgelassene Klezmer-Musik und die berührenderen Nummern auf Jiddisch, die wirklich bewegen. Das fünfköpfige Ensemble ist durchweg stark: musikalisch mit Jeff Kingsbury und Kelsey McNulty, szenisch mit den Liebenden, gespielt vom vielseitigen Eric Da Costa und der magnetischen Mary Fay Coady. Ben Caplan und Mary Fay Coady in Old Stock. Foto: Stoo Metz Photography Christian Barrys Regie ist schlicht, aber wirkungsvoll. Es gibt einige wunderschöne Einfälle – etwa wenn das Mundharmonika-Outro am Ende eines Songs im nächsten Bild zum Geräusch des Zuges wird, während die Figuren am Bahnhof zusammenstoßen. Ebenso gibt es, als Ben Caplan während der Krankheit von Chaya und Chaims erstgeborenem Kind einen „Tallit“ zum Gebet überstreift, einen atemberaubenden Moment: Er hüllt sie in das Tuch, und wir spüren ihre Erleichterung und ihren Trost, ihre Nähe zu Gott. Dabei war der witzigste Song des Abends zweifellos der respektlos-freche „Truth Doesn’t Live in a Book“. Er ist zugleich urkomisch und aufschlussreich – ich wusste nichts über die mündlichen Gesetze der Tora, und der eingängige Refrain brachte sogar ein ansonsten recht zurückhaltendes Londoner Premierenpublikum der Presse dazu, zu klatschen und mitzusingen. Foto: Graeme Braidwood Old Stock von 2b ist ein eigenwilliger, beglückender Theaterabend – voller Spaß, Nachdenklichkeit und der typisch kanadischen Freundlichkeit. Trotz ihrer tragischen Erfahrungen bauen sich Chaya und Chaim mit harter Arbeit, Durchhaltevermögen und Humor ein erfolgreiches Leben in der Neuen Welt auf; ihre Geschichte wird in Hannah Moscovitchs einfühlsam gebautem Stück gefeiert und verewigt. In diesen wirbelnden 80 Minuten gibt es echte Momente von Dunkelheit und Pathos – doch es sind die Lacher und der anarchische Übermut, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Während wir erleben, wie sich die politischen Landschaften unserer Länder tektonisch verschieben, ist es umso wichtiger, sich an die menschlichen Folgen zu erinnern, wenn Gesetze und Politik bürokratisch „nachjustiert“ werden. Wir alle könnten Chaya und Chaim sein. Wilton’s Music Hall bis 28. September 2019
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