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REZENSION: Jedermann, National Theatre ✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Jedermann

Olivier Theatre

29. April 2015

2 Sterne

Die Putzkraft, müde und erschöpft, blickt direkt ins Publikum und fragt, was für einen Tag alle gehabt haben. Geniessen wir unseren Prosecco? (Wissendes Kichern – schliesslich ist Premierenabend.) Sie warnt, dass sie vor Ende der Nacht noch Kondome wegräumen wird, verspricht aber, das werde nicht das Schlimmste sein, was sie zu beseitigen hat.

Ein Mann im schicken blauen Anzug, aber ohne Schuhe, fällt vom Himmel und verschwindet in einem halbrunden schwarzen Loch. Ein lärmender Mob kommt herein und im stilisierten Spiel werden Spass, Freundschaft und Raserei vorgeführt. Der Gefallene trifft ein und wird gefeiert. Er wird 40. „Happy Fucking Birthday“ wird bald zum gröhlenden Refrain. Tüten mit Kokain werden hervorgeholt, aufgerissen, das weisse Pulver über Tischplatten gestäubt. Alle gönnen sich – immer wieder – und nach dem Schnupfen rollen Welle um Welle von Ausgelassenheit, Prahlerei, Libido und Gewalt an.

Die Putzkraft kehrt zurück. Die Partygäste ziehen ab und lassen den Mann in Blau – den Gefallenen – zurück, mit Polizei-Absperrband an eine Bank gefesselt. Er wacht auf und erbricht sich in ihren gut platzierten Eimer. Es stellt sich heraus: Die Putzkraft ist Gott, und sie ist nicht zufrieden. Sie ruft den Tod. Der entpuppt sich als lakonischer irischer Realist.

Das ist „Jedermann“, Rufus Norris’ erste Inszenierung als Artistic Director des National Theatre. Diese Fassung des mittelalterlichen Moralitätenspiels wurde von Carol Ann Duffy geschrieben und im Programmheft als Stück „für das Zeitalter des Anthropozän“ angekündigt.

Die Wissenschaftlerin Kristen Shepherd-Bush von der English Faculty der University of Oxford meint:

„Ihre moderne Neuerzählung rückt die ursprünglichen Themen – Glaubensverlust und gute Taten – in einen scharf gegenwärtigen Fokus. Sie lässt uns über den Zustand der Menschheit in dieser extrem konsumistischen und säkularen Zeit nachdenken und darüber, wie man in einer gottlosen Welt Sinn findet. Angesichts des Sterbens des Planeten wirkt Jedermanns Untergang in der Tat unerquicklich klein. Doch wie die Figuren Peer Gynt, Willy Loman und Emily ist er alles, was wir haben. Die Zukunft des Planeten hängt – prekär – von der Menschheit ab und von ihrer Bilanz aus Schwächen und Stärken, Kurzsichtigkeit und Einfallsreichtum, Egoismus und Kooperation. Bis diese Herausforderung bewältigt ist, wird Jedermann so relevant bleiben wie für das mittelalterliche Publikum.“

Dem ist schwer zu widersprechen. Duffys Bearbeitung ist zugleich lyrisch und zeitgenössisch. Und sie ist auch witzig – wie das Leben, manchmal ganz unerwartet.

Nein, das Problem liegt hier nicht im Text. Es liegt in der Inszenierung.

Norris wirft alles in den Ring: ein grosses Ensemble, Hochseilnummern, Showtunes, Glitterkaskaden, eine Windmaschine, die Falschgeld und Luft in den Zuschauerraum bläst, Kokainkonsum, Regen, das Laufen über zerbrochene Flaschen, multimediale Aktionen, das „C-Wort“, eine (mehr oder weniger) Orgie mit verschiedensten sexuellen Konstellationen, viele riesige goldene Statuen, Neon-Kostüme, ein Strom von Seifenblasen und grell-goldene Outfits. Fast, als traue er dem Stoff nicht zu, aus eigener Kraft zu wirken.

Das Ergebnis ist grell, pubertär und unerträglich langweilig. Zu viel Show, zu wenig Stil und Substanz. Ja, es ist ein mutiges, deutliches „State of the World“-Stück – aber die Inszenierung bleibt hartnäckig unbeteiligt, unablässig passiv, hoffnungslos kitschig.

Als Jedermann müht sich Chiwetel Ejiofor nach Kräften, die zähen Fesseln von Norris’ psychedelisch-halluzinatorischer Vision zu sprengen. Gelegentlich gelingt es ihm – an seiner Überzeugung und Leidenschaft besteht kein Zweifel. Mitunter haucht seine grossartige Stimme Duffys Text pulsierendes Leben ein.

Innerhalb des Spektrums, in dem Norris sie agieren lässt, sind sowohl Dermot Crowley (Tod) als auch Kate Duchêne (Gott) so gut, wie man es erwarten kann; zudem gibt es ansprechende Arbeit von Sharon D Clarke und dem Jungen, der Everyboy spielte.

Javier De Frutos choreografiert das Geschehen auf lebendige Weise, und Paul Anderson liefert aussergewöhnliches Lichtdesign.

Aber … als Debüt, als Markierung im Sand, als Ausblick auf das, was kommen soll, verheisst dieser „Jedermann“ nichts Gutes für das National. Zumal nach der Enttäuschung über Norris’ bisherige Programmentscheidung – Light Shining in Buckinghamshire.

Zwei Treffer. Nun richtet sich der Blick auf das kommende The Beaux’ Stratagem. Wird das für Rufus Norris ein enttäuschender Hattrick?

Everyman läuft am Olivier Theatre im National Theatre bis zum 30. August 2015

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