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REZENSION: Dear England, National Theatre London ✭✭✭
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Von
pauldavies
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Paul T Davies bespricht James Grahams Stück Dear England, das derzeit im National Theatre zu sehen ist.
Joseph Fiennes (Gareth Southgate) und das Ensemble von Dear England. Foto: Marc Brenner
National Theatre
20. Juni 2023
3 Sterne
Volle Transparenz: Ich bin Waliser und habe kein Interesse an Fussball. Würde mich also ein Stück über Gareth Southgate und seine stille Erneuerung der englischen Nationalmannschaft unterhalten und fesseln? Nun ja – ja, denn es ist fantastisch inszeniert und steckt voller schöner Momente des schönen Spiels, und Rupert Goolds elektrisierende Regie füllt das riesige Oliver Auditorium mit Energie. Es ist ein weiterer triumphaler Entwurf von Es Devlin: eine neonfarbene ovale Form, die an grosse Stadien erinnert, dabei jede Menge Informationen für alle projiziert, die mit Spielen und Spielständen nicht vertraut sind, und zugleich eine fließende Umkleidekabinen-Dynamik schafft. Am besten ist die Körperlichkeit: hervorragende Bewegungsarbeit von Ellen Kane und Hannes Langolf, die die Matches testosterongeladen zum Leben erweckt. Aber James Grahams Stück handelt nicht nur von Fussball, sondern vom Zustand der Nation – und hier lösen sich die Verbindungen zwischen Sport und Politik ein wenig auf; insgesamt fehlt dem Stück grosse Tiefe.
Will Close, Ebenezer Gyau und Kel Matsena. Foto: Marc Brenner
Im Zentrum steht Joseph Fiennes’ unheimlich präzise Metamorphose zu Gareth Southgate – er trifft dessen Manierismen und Überzeugungen, und wenn sonst nichts: Man verlässt den Saal mit grossem Respekt vor ihm. Vom verschossenen Elfmeter bei der EM ’96 verfolgt, ringt er damit, aus dessen Schatten herauszutreten, und Teampsychologin Pippa Grange – eine souveräne Leistung von Gina McKee – ermutigt ihn dazu. Doch es bleibt an der Oberfläche, und wir bekommen nie wirklich ein tiefes Gefühl für sein Trauma; tatsächlich verweilt das Stück zu sehr beim Performance-Coaching – das Team wird etwa dazu angehalten, Tagebuch zu schreiben usw.
Joseph Fiennes als Gareth Southgate. Foto: Marc Brenner Will Close stiehlt als Harry Kane allen die Show (dessen Stimme sogar ich von Radio 4s Dead Ringers wiedererkenne), in jeder Hinsicht urkomisch, und zeigt die Verletzlichkeit des Mannes erst in der zweiten Hälfte. Tatsächlich wird das Stück erst im zweiten Teil richtig interessant: Es nimmt Rassismus und das erschreckende Verhalten einiger sogenannter Fans in den Blick. Doch die Persiflage auf aufeinanderfolgende Premierminister verleiht dem Ganzen einen Spitting Image-Touch, und ich bin mir nicht sicher, ob das Schicksal der Nation an die englische Mannschaft gebunden ist – auch wenn Southgate im Jahr des Brexit-Referendums berufen wurde. Auffällig ist zudem, dass jede ausländische Figur im Stück ein Klischee ist.
Will Close als junger Gareth Southgate. Foto: Marc Brenner Das Stück geht tief in die Verlängerung – ein paar kluge Kürzungen würden nicht schaden – und ihm fehlt die politische Schärfe von Grahams früheren Arbeiten wie Labour of Love und Ink. Auch die Frage, was es bedeutet, englisch zu sein, wird nie ganz aufgelöst. Am besten funktioniert das Stück, wenn Graham beim Schreiben sichtbar Spass hat: Die Witze zünden, und bei den Elfmeterschießen entsteht echte Spannung! Es ist ein vergnüglicher, wunderschön inszenierter Abend, und wenn er ein noch vielfältigeres Publikum ins Theater bringt, erfüllt er seinen Zweck.
Bis 11. August 2023 im National Theatre
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