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REZENSION: Candide, Komische Oper Berlin ✭✭✭✭
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julianeaves
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Julian Eaves rezensiert Leonard Bernsteins Candide an der Komischen Oper Berlin.
Candide. Foto: Monika Rittershaus CandideKomische Oper Berlin 22. August 2019 4 Sterne Tickets buchen Leonard Bernstein ist ein Musiker, der vielen Berlinerinnen und Berlinern besonders am Herzen liegt: nicht zuletzt bestätigte er das, als er kurz nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 in die Stadt kam, um Beethovens Neunte bei einem Open-Air-Konzert vor dem Rathaus Schöneberg zu dirigieren – damals Sitz des West-Berliner Senats – und genau an jenem Ort, an dem Jahre zuvor, bei seinem Besuch in der Stadt, ein anderer populärer Amerikaner, John F. Kennedy, sich mit dem berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ unsterblich machte. „Lenny“ stand hier für vieles, vor allem für die Fähigkeit, die Last der Vergangenheit anzunehmen und zu überwinden und neue Brücken der Freundschaft und des gegenseitigen Verständnisses zu bauen – zwei Eigenschaften, die in den aktuellen amerikanisch-deutschen Beziehungen nicht gerade im Vordergrund stehen. Und so eröffnete die KOB in dieser Woche, passend zum 30. Jahrestag des Endes des Kalten Krieges und zugleich zum 100. Geburtstag Bernsteins, ihre brandneue Spielzeit mit einer Wiederaufnahme der kühnen, riskanten Inszenierung ihres Intendanten Barrie Kosky: Bernsteins komplexe, anspruchsvolle Hommage an die europäische Kultur – eine wagemutige, überschäumend charmante komische Operette nach Voltaires bestsellerverdächtiger, pikaresker Erzählung, in der Optimismus allen Widrigkeiten trotzt. (Außerdem hat das Haus auch „West Side Story“ im Repertoire – die Produktion wird später in der Saison erneut zu sehen sein.) Von diesem Stück kursieren unzählige Fassungen; hier verwendet man John Cairds mehr oder weniger werkgetreue „Restaurierung“, die 1999 für das National Theatre erarbeitet wurde (noch so ein Jubiläum!), und zwar – durchaus angemessen – mit den vollständig erweiterten Orchestrierungen, die Bernstein selbst gemeinsam mit Hershey Kay erstellt hat, ergänzt durch Zusätze von Bruce Coughlin. Die Partitur wirkt deutlich kohärenter als das eher klapprige Buch, das zwar beherzt versucht, die episodische Abenteuergeschichte auf die Bühne zu bringen, dabei aber längst nicht durchgehend aufgeht. Pangloss’ endlose Einschübe wirken hier wie Bleigewichte gegen den Auftrieb der Erzählung: Andere Produktionen haben viel dafür getan, sie möglichst organisch in das Gewebe des übrigen Dialogs einzubinden. Lie ist ein feiner Sänger, doch seiner Sprechstimme fehlt es an Farbigkeit. Nichtsdestotrotz erleben wir auch den Rest des außergewöhnlich großen und leistungsstarken Ensembles, das einmal mehr seine Weltklasse unter Beweis stellt. Schon mit den eröffnenden Takten der straffen, sprühenden Ouvertüre ist klar: In den Händen des Musikdirektors Jordan de Souza erwartet uns eine packende, scharf konturierte Lesart dieser gewaltigen, prachtvollen Partitur. De Souza setzt auf große Gesten – fährt in die Holzbläser-Cluster hinein, lässt die Blechfanfaren mit jener Energie und Gefahr herausfahren, die man mit der schneidenden Egomanie Richard Strauss’ oder dem sardonischen Zorn Schostakowitschs verbindet; dann bringen die Streicher allmählich Wärme und Romantik in die Palette, sodass genau jene komplizierte Stimmungsmixtur entsteht, die die kommenden drei Stunden ausloten werden. Auf den verblüffenden Einsatz des Chors bereitet uns das jedoch nicht vor: Man hört ihn, sieht ihn aber nicht – weit hinter uns, als spräche er aus ferner Vergangenheit – mit kristallklarer Artikulation eines volksliedhaften Chorals (Chorleiter David Cavelius). Für alle, die das noch nicht kennen: Das ist Musiktheater von allerfeinster Qualität, das ständig überrascht – auch wenn die unablässige Betriebsamkeit der Regie mit der Zeit ermüden kann. Rebecca Ringsts Bühnenbild ist eine entschlossene, kompromisslose Blackbox, und abgesehen von ein paar lärmenden Rollwagen, die gelegentlich auf- und abfahren, ist das im Wesentlichen alles, was man den gesamten Abend über zu sehen bekommt. Sie füllt den Raum häufig mit Rauch – nicht unähnlich D. W. Griffith, der die Lücken seines Sezessionskriegs-Epos „Birth of a Nation“ mit Zwischentiteln ausstaffiert – und Alessandro Carletti beleuchtet diese Schwaden mit großer Liebe. Die Kostüme von Klaus Bruns sind ein ziemlich buntes Sammelsurium aus Stilen und Epochen. Das muss jede und jeder für sich entscheiden, aber in einer derart unerbittlichen, brutalistischen Landschaft sind Perücken und Gehrock für meinen Geschmack das Letzte, was man sehen möchte. Davon gibt es hier reichlich – und es wirkt schlicht unpassend. Deutlich stimmiger sind die vielen modernen Anleihen, die immer wieder auftauchen (etwa Fünfzigerjahre-Looks oder zeitgenössische Streetwear): Sie erinnern daran, dass die Themen der Geschichte – Standesdünkel, Schikane, Flucht und Migration angesichts von Krieg, Pest und Armut, Habgier, Sklaverei, sexueller Missbrauch und Manipulation, Prostitution, Diebstahl und Mord, Heimatlosigkeit und Reisen, um nur einige zu nennen – sehr wohl im Hier und Jetzt mit uns sind. Bruns’ Einfall, die Tänzerreihe in der Auto-da-fé-Szene als Vegas-Showgirls in Drag auftreten zu lassen, ist einer seiner ganz großen Coups. Ebenso ein Publikumsrenner: die Soldaten, die extrem laut trommelnd aufmarschieren und dabei das Macho-Sprechgesangsgestus moderner US-Armeen evozieren – ein Moment, in dem das Ineinandergreifen von Periodenkostüm und modernem Verhalten hervorragend funktioniert. Foto: Monika Rittershaus Koskys Regieansatz ist – zunächst – die Maschinerie so schnell wie möglich in Gang zu setzen und jede Szene mit so viel Tempo zu versehen, wie gerade noch auszuhalten ist. Dabei bleibt er den Anforderungen der Partitur stets vollkommen treu: Wenn Bernstein das Tempo zurücknimmt, tut er es auch. Doch erst in den späteren, moralisch stärker verunklarten Episoden nimmt er den Fuß ganz vom Gas und lässt das Stück atmen. Otto Pichlers Choreografie folgt derselben Logik, und in dem, was beide gemeinsam aus der Erzählung herausholen, steckt eine bemerkenswerte Modernität. Mitunter glaubt man, in Roland Petits kühnste Phasen einzutauchen – oder sogar in die Welt Pina Bauschs. Martin Bergers deutschsprachige Fassung des Librettos ist relativ neu und lässt sich dankbar singen, doch viel vom Witz geht verloren (ob in der Aufführung oder in der Übersetzung – oder schlicht in der sehr nüchternen Mentalität des Publikums; schwer zu sagen). Auf der Habenseite steht, dass die dunkleren Elemente dieser düster-ernsten Inszenierung enorme Wucht entwickeln und so schnell nicht vergessen werden. Das Ensemble ist darauf durchweg eingestimmt und weiß genau, was es tut. Für niemanden gilt das mehr als für den Titelhelden dieser Wiederaufnahme, Johannes Dunz: Sein matineehaftes Aussehen, seine athletische Statur (in Lederhosen wirkungsvoll in Szene gesetzt) und sein prachtvoller Tenor setzen dem düsteren Entbehrungsbild der Regie ein selbstbewusst humanistisches Gegengewicht entgegen. Tom Erik Lies Dr. Pangloss, Voltaire und Martin, die die Fäden um ihn herum ziehen, geraten weniger glücklich und sind eher zur Karikatur geneigt. Dieselbe grobe Breite trifft auch die frühe Erscheinung Kunigundes (Cunegonde), doch Meechot Marrero macht das mehr als wett, wenn sie aus ihrer privilegierten Gnadenstellung stürzt und „Glitter and be gay“ als Pole-Dancerin in einem schäbigen Strip-Club liefert. An ihrer Seite ist Frederika Brillembourg als Alte Frau eine wunderbare Burleske, und ihr Duett zu Beginn des zweiten Akts ist tatsächlich komisch – selbst in dieser unangenehm kargen Umgebung. Ein weiteres gelungenes Gespann bilden Dominik Köningers Maximilian und Maria Fiselier als Paquette; auch aus ihren weiteren Rollen holen beide viel heraus. Das ist ein gewaltiges, ausuferndes Erzählen von einer Welt im Tumult (der Vergleich mit Griffith war nicht zufällig). Weitere bemerkenswerte Mitwirkende in diesem rastlosen Reigen sind der umwerfende Ivan Tursic (der mehrfach kurz davor ist, allen anderen die Schau zu stehlen), Timothy Oliver, Frank Baer, Saskia Krispin, der wunderbare Neuzugang Daniel Foki, Tim Dietrich, Matthias Spenke, Carsten Lau, Thaisen Rusch und Sascha Borris. Hinzu kommen Dutzende Tänzerinnen und Tänzer sowie Chormitglieder – und wenn all diese Kräfte gemeinsam in Bewegung geraten, entsteht ein wirklich grandioses Spektakel. Die Eldorado-Szene ist geradezu hypnotisch, die dunkle Luft erfüllt von langsam herabfallenden Fragmenten glitzernden Goldes. Und der abschließende, üppige Choral ist im Maßstab nahezu symphonisch und trifft mit gewaltiger Wucht. Alles in allem also ein glänzender Auftakt zu einem spannenden Jahr für dieses Haus – und ein lohnender Beitrag zur Erinnerung an eine der bemerkenswertesten Figuren der Musikgeschichte. Im Repertoire.
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