NACHRICHTEN
REZENSION: Into The Woods, Cockpit Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
Share
Julian Eaves rezensiert Into The Woods, jetzt im Cockpit Theatre London.
Into The Woods
The Cockpit Theatre
26. Mai 2018
3 Sterne
Regisseur (und, wie wir wohl verstehen sollen, hier auch Choreograf) Tim McArthur landete mit dieser Produktion vor ein paar Jahren einen großen Erfolg – in dem erfinderisch genutzten Raum im Obergeschoss des Pubs Ye Olde Rose and Crowne in Walthamstow, den er sich bei seinen häufig brillanten Erkundungen des Musicaltheaters – in ebenso vertrauten wie kaum bekannten Werken – zu einer Art zweitem Zuhause gemacht hat. Er steht hier zudem selbst auf der Bühne, als der Bäcker, und verfügt über eine Biografie, die im A4-großen Programmheft eine ganze Seite füllt. Das Theater braucht starke, außergewöhnliche Persönlichkeiten wie diese, um zu gedeihen. Und McArthur hat – immer wieder – gezeigt, dass er liefern und auch mit schmalem Budget Magie entstehen lassen kann. Sein jüngstes A Little Night Music war ein Meisterstück der Ökonomie und des Zusammenspiels, verbunden mit einer verblüffend neuartigen Lesart, fein ausgearbeitet und großartig geführt. Ebenso gilt aber: Große Talente müssen sich in ihrem Experimentieren, ihrem Risiko – gelegentlich und aus welchen Gründen auch immer – das Recht zugestehen, auch einmal daneben zu liegen.
Nicht, dass der Look dieser Show nicht andeuten würde, dass sie etwas Wertvolles zu sagen hat: Er verkündet förmlich Selbstvertrauen und Geschlossenheit. Joana Dias’ Bühnenbild – lauter Ebenen und Leitern aus Holzpaletten, schwebend in einem Meer aus Holzspänen, dazu grobe Holzverkleidung, die den Rundum-Bühnenraum einfängt – stimmungsvoll ausgeleuchtet von Vittorio Verta, ist ein kraftvolles Statement einer ästhetischen Vision. Wenn die Darsteller*innen dann in Stewart Charlesworths Kostümen erscheinen, beginnt jedoch etwas anderes zu passieren. Die Bühne ist vollgestopft. Es sind 17 Personen, und es bleibt kaum Platz, sich zu bewegen. Und obwohl sie Tanzschritte ausführen sollen, können sie das kaum, ohne gegen die hölzernen Hindernisse zu stoßen, die das Set wie gefährliche Auswüchse in einem japanischen Steingarten übersäen. In einer Show, die von schneller, flüssiger Bewegung zwischen mehreren konkurrierenden Handlungssträngen lebt, ist das – gelinde gesagt – problematisch. Natürlich sieht es großartig aus, aber hilft es, die Geschichte zu erzählen?
Hinzu kommt die heikle Frage der Tonanlage des Cockpit. Wie eine Art gespenstischer Heimsuchung kommt und geht sie – unberechenbar. Nur Michele Morans Hexe kam mit ihrer klassisch soliden Technik, ihrem klaren, schönen Klang und ihrer scharfen Artikulation dem am nächsten, worauf man sich den ganzen Abend über verlassen konnte – und selbst sie hatte Mühe, einige der gnadenlos tief liegenden Passagen zu tragen, die in ihrem Part im früheren Teil der Show auftauchen. Alle anderen müssen sich so gut sie können durch das Minenfeld der wechselnden Hörbarkeit schlagen. Selbst Christina Thornton, mit ihrer Rita-Hunter-artigen Stimmgewalt, wurde beim Offstage-Gesang der Riesenfigur nahezu zum akustischen Verschwinden gebracht. Offenkundig sind das ernste Themen, die dringend die Aufmerksamkeit von Sound-Maestro Gavin Hales und seinem Team Julian Gonzalez-Kitzing und Emily Darlington erfordern.
Doch damit hörten die Probleme nicht auf. In der stillen Ruhe einer Sandfläche, sorgfältig zu schöner Ebenmäßigkeit gerecht, mit großen, interessant ausgewählten Felsbrocken, die hier und da im Raum verteilt sind, wird einem bewusst, dass es unmöglich ist, von einem einzigen Standpunkt aus alle ausgestellten Elemente zu überblicken: Wo immer man am Rand sitzt, steht immer – absichtlich – etwas im Weg und verdeckt einen anderen, kleineren Stein. Moral? Niemand kann vollständiges Wissen – und Verständnis – über das Ganze besitzen. Weisheit ist partiell und voreingenommen. Erkenntnis ist unvollkommen. Und so weiter. Diese Gedanken waren mir ständig präsent, während ich dasaß und versuchte, „um“ diese oder jene Leiter herumzusehen oder zu erraten, was auf der anderen Seite eines Schauspielers am anderen Ende der mit Holz übersäten Bühne projiziert wurde. Und nicht nur das: Ich hatte den deutlichen Eindruck, dass ein solch „unvollkommenes Verständnis“ nicht nur mich betraf. Keineswegs.
Einige Leute im Publikum mochten diese Produktion. Manche sagten, sie habe sie an den (jüngsten) Film erinnert. Andere erklärten, ihnen gefalle die ungewöhnliche, untypische Auswahl überraschender Zutaten – und dass das Vermischen mehrerer Geschichten statt des Erzählens nur einer, ihrer Ansicht nach, zu den größten Stärken gehöre. Nun, das sind Qualitäten von Buch und Partitur. Andererseits waren einige andere Besucher*innen der Meinung, sie hätten in der Musik keinerlei Unterschiede wahrgenommen – alles habe gleich geklungen. Wenn dem so war, dann lag das nicht wirklich in der Verantwortung von MD Aaron Clingham und seiner unermüdlichen Band aus Becky Hughes (Holzbläser), Jade Cuthbert (Violine), Catriona Cooper (Bratsche) und Natalie Halliday (Cello). Sie haben in dieser Show eine der längsten Broadway-Partituren zu spielen – mit einer immensen Menge an Underscoring, das die Handlung permanent unterfüttern muss, zusätzlich zu allen gesungenen Nummern. Aber wie hilfreich war dabei die erwähnte Tonanlage? Ich denke: nicht besonders. Genügend Zeit für ordentliche technische Proben zu bekommen, ist immer schwierig – und in solchen Fällen wissen wir, dass manche Produzent*innen die Fallstricke der Verstärkung lieber umgehen und stattdessen starke Sänger*innen besetzen und – wie hier – auf akustische Instrumente setzen.
Dennoch bot dieses Ensemble ein regelrechtes Smörgåsbord an Stimmstilen. Den Beitrag des klassisch ausgebildeten Kontingents haben wir bereits beleuchtet. Die meisten hier jedoch sind „Musical-Theatre“-Stimmen, bei denen das Erzählen der Geschichte im Vordergrund steht – ihre individuellen Stärken variieren allerdings erheblich. McArthur selbst hat eine klare, volle Stimme; Jordan Michael Todd hingegen ist als Erzähler gewinnend; Abigail Carter-Simpson ist als pantomimische Cinderella mutig und widerstandsfähig; Jamie O’Donnell dagegen bleibt als Jack blass und eher unkomisch; während Jo Wickham aus der Frau des Bäckers eine bodenständige Hausfrau macht; und Mary Lincoln ist eine schmetternde Stiefmutter, und Macey Cherretts Florinda sowie Francesca Pims Lucinda sind keine allzu bösen Stiefschwestern; im Kontrast dazu – und wie! – gibt Madeleine MacMahons fluchende Gorballs-Überlebende von Jacks Mutter ein Rätsel auf: Wie ist sie dort gelandet – und wie kann sie ein derart dumm inkompetentes Kind haben, dem all ihre Weltgewandtheit fehlt? Die Inszenierung beginnt nicht einmal, diese Frage zu beantworten. Dann wieder scheinen Florence Odumosos Rotkäppchen, Ashley Daniels’ blasser Prinz/Wolf und Michael Dukes gefühlvollerer Prinz von Rapunzel, Louise Olleys starke, einprägsame Rapunzel, Jonathan Wadeys bewusst windiger geheimnisvoller Mann sowie David Pendleburys geschäftiger Verwalter allesamt aus unterschiedlichen Traditionen zu kommen. Mit dieser Vielfalt hat McArthur ein sehr „diverses“ Team besetzt. Die Frage ist: Bei einer Produktion, die so viele technische Hürden aufstellt – hatte er wirklich immer die Zeit, die er gebraucht hätte, um daraus etwas stimmiges Ganzes zu formen?
Ich frage mich das. Alle schienen im Großen und Ganzen das zu tun, was sie tun wollten – aber, wie Schauspieler*innen in solchen Umständen eben oft agieren, vorsichtig zu bleiben und sich nicht allzu präzise oder scharf auf eine definierte „Position“ festzulegen, die womöglich mit dem kollidieren könnte, was die Kolleg*innen gerade machen. Für Menschen, die die Show noch nie gesehen haben, mag das nicht allzu sehr ins Gewicht fallen – für diejenigen jedoch, die deutlich feinere Erwartungen mitbringen, könnte das gedrängte und zugleich oberflächliche Gefühl von vielem, was hier passiert, unerquicklich sein.
Es ist, wie wir wissen, eine sehr gute Show. Buch und Partitur sind es wert, gehört zu werden – unter fast allen Umständen. Also: Vorausgesetzt, die technischen Tonprobleme werden behoben, gebe ich ihr….. aber wirklich nur knapp….. 3 Sterne
Bis 30. Juli 2018
Fotos: David Ovenden
JETZT BUCHEN FÜR INTO THE WOODS
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie