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KRITIK: Große Erwartungen, Mercury Theatre Colchester ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
18. Mai 2023
Von
pauldavies
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Paul T Davies rezensiert „Great Expectations“ im Mercury Theatre Colchester.
Bessy Ewa und Stanton Wright. Foto: Pamela Raith Great Expectations.
Mercury Theatre, Colchester.
18. Mai 2023
4 Sterne
Ein kürzlich erschienener Artikel im Guardian setzte „Great Expectations“ an die Spitze einer Liste von Dickens-Werken, die man nie wieder sehen müsse. Viele Dickens-Fans dürften dem nach dem Gegenwind gegen die jüngste BBC-TV-Version „Peaky Expectations“ zustimmen. Doch Dickens-Puristen brauchen diese Adaption nicht zu fürchten: Sie verdichtet den gewaltigen Roman auf flotte zwei Stunden und ist von Ryan McBryde einfallsreich und energiegeladen inszeniert. Der Star des Abends ist das Bühnenbild – wunderschön fließend und voller ständiger Überraschungen und Enthüllungen während der gesamten Aufführung: ein Triumph von Libby Todd. Es wirkt wie eine Pop-up-Version des Buches, eine Spielfläche, auf der sich das Ensemble austoben kann.
Jim Fish, Emily Pollet, Stanton Wright und Sam Lupton. Foto: Pamela Raith
Ein Ensemble aus sechs Personen erweckt den Roman zum Leben; Stanton Wright überzeugt als Pip von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter und zur Reife. Die übrigen Rollen übernehmen fünf Erzähler*innen, die in einem Wimpernschlag die Figuren wechseln – mit einigen herausragenden Leistungen. Jede*r hat mindestens eine Glanzrolle: Gareth Kennerley gibt einen wunderbar bedrohlichen Magwitch und meistert die Charakterwendung und den Melodramatik-Ton perfekt; Sam Lupton ist als Herbert Pocket außergewöhnlich stark und einnehmend; Jim Fish spielt einen kraftvollen, autoritativen und zugleich menschlichen Mr Jaggers; Emily Pollet ist eine großartig unheimliche Miss Havisham; und Bessy Ewa ist eine schnippische, am Ende jedoch sehr gewinnende Estella. Die unwahrscheinlichen Zufälle und Plot-Twists erinnern an das, was man heute täglich in Seifenopern sieht – und die Besetzung setzt das mit Überzeugung und Bravour um.
Stanton Wright, Sam Lupton und Jim Fish. Foto: Pamela Raith
Bei so vielen Figuren und so viel Handlung ist die Fassung von Gale Childs Daily stark erklärend – besonders in der ersten Hälfte, wenn ein ganzes Sammelsurium an Charakteren (teils nur flüchtig) eingeführt und wieder verabschiedet wird; manches ließe sich eher zeigen als erzählen. Doch im zweiten Akt findet der Abend zu größerer Konzentration: Er richtet den Blick auf die Hauptfiguren und bietet kraftvolle, schöne Bewegungssequenzen von Chihiro Kawasaki. Ein großartiger Soundtrack von Stefan Janik verstärkt die Atmosphäre, ohne je abzulenken. Ihre Erwartungen werden erfüllt!
Mercury Theatre Colchester bis 27. Mai 2023
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