NACHRICHTEN
REZENSION: Hadestown, Lyric Theatre London ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
26. Februar 2024
Von
timhochstrasser
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Tim Hochstrasser bespricht Hadestown, das mit dem Tony Award ausgezeichnete Broadway-Musical, das jetzt im Lyric Theatre im West End zu sehen ist.
Dónal Finn und Grace Hodgett Young. Foto: Marc Brenner Hadestown
4 Sterne
21. Februar 2024
Lyric Theatre
Tickets buchen „Hadestown“ kommt nach einem enorm erfolgreichen und vielfach ausgezeichneten Lauf am Broadway endlich ins West End – und nach einem Vor-Pandemie-Gastspiel am National Theatre im Jahr 2018. An den hohen Produktionswerten jeder Version gab es nie Zweifel, doch Kritikerinnen und Kritiker sind sich weiterhin uneins, was die innere Geschlossenheit der Show angeht – und das ist auch hier weitgehend der Fall.
Zachary James und das Ensemble. Foto: Marc Brenner
Die Handlung verbindet zwei grosse griechische Unterwelt-Mythen – die Geschichte von Orpheus und Eurydike sowie die Ehe von Hades und Persephone. Darüber legt sich ein zeitgenössischer Überbau mit Akzenten auf Klimawandel, Armut, unregulierten Kapitalismus und einer Kritik an trumpistischer Kulturpolitik – allerdings wirken diese Anknüpfungen eher aufgesetzt. Das Setting erinnert an eine New-Orleans-Speakeasy zur Zeit der Prohibition, ein Eindruck, den die überwiegend jazzige musikalische Sprache weiter verstärkt.
Das Ensemble von Hadestown. Foto: Marc Brenner
Man muss die Leistung und den Ehrgeiz von Anaïs Mitchell anerkennen, die Idee über fast zwanzig Jahre hinweg konsequent weiterentwickelt zu haben. Das Endprodukt ist aus seinen beherzten Amateuranfängen in Vermont ausserordentlich gewachsen, und darin finden sich einige wirklich starke Nummern mit pointierten Lyrics und eingängigen Melodien. Dennoch bleiben ein paar Probleme, die nie ganz überwunden werden. Zwei grosse griechische Mythen in einer Show zu vereinen, führt letztlich dazu, dass die dramatische Entwicklung beider Geschichten zu kurz kommt – und damit verbunden: Die Auflösung beruht oft eher auf „Erzählen“ als auf „Zeigen“, vor allem in einer zu langen ersten Hälfte, die die Show stellenweise eher wie ein Album denn wie ein integriertes Drama wirken lässt.
Allie Daniel, Bella Brown und Madeline Charlemagne. Foto: Marc Brenner
Doch heben wir die Pluspunkte hervor. Hier trifft eine erstklassige Besetzung auf ein Kreativteam ohne schwaches Glied. Ähnlich wie in der Oper gibt es im Musical unzählige Stellen, an denen ein einziger missglückter Bereich die Wirkung des Ganzen aushebeln kann – das passiert hier nicht. Regisseurin Rachel Chavkin nimmt die Herausforderung der kleinen Bühne im Lyric Theatre an und liefert eine Inszenierung mit durchgehend fantasievollem Einsatz von Bewegung und Aktion auf mehreren Ebenen. Das Bühnenbild von Rachel Hauck platziert die durchweg hervorragende Band beidseits gestufter Treppen, die zu einem Balkon hinaufführen; im Zentrum steht eine dreiteilige Drehbühne, die wiederum in den Unterraum absenkt. So entsteht – trotz überschaubarer Besetzung und Chorgrösse – ein ständiges Knistern und ein Fluss an Figuren, Emotionen und Dynamiken, der jederzeit klar und gut nachvollziehbar bleibt.
Das Ensemble von Hadestown. Foto: Marc Brenner
Das Fundament aus Gesang und Tanz ruht auf den Fähigkeiten zweier Chöre, die hier sowohl im gemeinsamen Akzent als auch in individuellen Charakterzeichnungen glänzen. Die grössere Gruppe aus fünf beginnt als Gäste in der Speakeasy und wird, sobald es nach Hadestown hinabgeht, zu verschmierten Fabrikarbeiterinnen und -arbeitern, deren Erwachen zu Selbstbewusstsein wir miterleben. Ihnen zur Seite stehen die kecken Schicksalsgöttinnen (Fates): drei Frauen, die das Geschehen mit spitzem Kommentar begleiten – mit viel Verve gespielt von Bella Brown, Madeline Charlemagne und Allie Daniel.
Das Geschehen koordiniert Melanie La Barrie als Hermes, die in einem wunderbar glitzernden silbernen Anzug selbstbewusst über die Bühne schreitet. Das ist weit mehr als eine Erzählerrolle – sie bringt viel Wärme und stimmliche Wucht ein und hält das mitunter diffuse Material insgesamt auf Kurs. Als Hades, der charismatische, königlich-düstere Bösewicht, verfügt Zachary James über eine natürliche Autorität in Auftreten und rauchiger Stimme, die seine Nummern mit maximaler Wirkung auflädt. Ihm ebenbürtig ist Gloria Onitori als Persephone. Ihre Stimme ist ein prachtvolles Instrument, das – je nach Bedarf – enorme Strahlkraft ebenso wie feine Nuancierungen besitzt, in einer Rolle, deren dominierendes Gefühl die Frustration über Eingesperrtsein ist, was sich dramatisch nicht immer leicht spannend halten lässt.
Gloria Ontiri. Foto: Marc Brenner
Orpheus und Eurydike sind etwas unterzeichnete Rollen und leiden am stärksten darunter, dass es sich um eine durchkomponierte, durchgesungene Show ohne Dialogpassagen handelt, in denen Figuren aufgebaut und Motive erklärt werden könnten. Doch Dónal Finn und Grace Hodgett Young nutzen jede vokale Gelegenheit mit Stil und gut projiziertem Gefühl. Finn spielt zudem gekonnt Gitarre als Ersatz für die Lyra des Orpheus. Er ergänzt eine hervorragende Band aus sieben Solistinnen und Solisten, die in den grossen Nummern ein Feuerwerk zünden und zugleich jeweils Solo-Momente haben, um ihr Können zu zeigen. Tarek Merchant dirigiert vom Keyboard aus.
So hinterlässt die Show insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. In der Umsetzung ist das eine Fünf-Sterne-Produktion, die den Beifall des mitunter anstrengend lauten Premierenpublikums durchaus verdiente. Doch die Show selbst wird nie ganz mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Wie Orpheus selbst entkommt sie nicht vollständig der Gedankenschleife ihrer eigenen Raffinessen.
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