NACHRICHTEN
REZENSION: This House, National Theatre at Home ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
29. Mai 2020
Von
pauldavies
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Paul T Davies rezensiert James Grahams Stück This House, das noch bis zum 3. Juni auf der Plattform National Theatre at Home gestreamt wird.
Charles Edwards als Jack Weatherill. Foto: Johan Persson This House
National Theatre at Home
4 Sterne
Ein Parlament ohne klare Mehrheit, sich verschärfende Wirtschaftskrisen, Unmut unter den Wählerinnen und Wählern, entlang der Parteizugehörigkeiten gezogene Fronten. James Grahams hervorragendes Stück, 2013 erstmals gezeigt, beleuchtet die stürmischen politischen Jahre 1974 bis 1979, als die Labour Party über eine hauchdünne Mehrheit verfügte, die zwischen 4 und 1 Sitzen schwankte, und führt uns gekonnt die Mechanik der Demokratie vor Augen – die Absprachen und Opfer. Sein unverkennbarer Stil, eine Fülle an Informationen zugleich unterhaltsam und lehrreich zu vermitteln, zeigt sich deutlich: Mit altmodischen Mitteln wie Kreide, Tafel und Gespräch verdichtet er Jahre politischer Ereignisse zu einer lebendigen, insgesamt rasant voranschreitenden Inszenierung.
Erzählt vor allem aus den Büros der Whips von Labour und den Tories, sind die Klassenlinien von Beginn an klar gezogen. Graham skizziert die Figuren zunächst mit breitem Pinsel: für Labour gibt’s mushy peas und Saveloys, für die Tories Oper und militärische Anspielungen. Doch im Verlauf des Stücks wird das Bild feiner, und das Drama speist sich aus den erstaunlichen Ereignissen jener Zeit – dem fingierten Suizid von John Stonehouse, den Abstimmungen darüber, ob man in der EWG bleiben oder austreten soll, dem „Gentlemen’s Agreement“ des Pairing, das nicht nur für die Handlung, sondern auch für die Geschichte entscheidend wird – alles getragen von einem hervorragenden Ensemble. Das Wortgefecht zwischen dem Labour Deputy Whip Walter Harrison (Reece Dinsdale) und dem Tory-Whip Jack Weatherhill (Charles Edwards) bildet das Rückgrat des Stücks, und beide sind grossartige Gegenspieler, in der ersten Hälfte tatkräftig unterstützt von einem energiegeladenen Phil Daniels. Was Graham besonders gut gelingt, ist es, die Politik zu vermenschlichen – und den enormen Preis zu zeigen, den sie die Partei kostete: 17 Labour-Abgeordnete starben infolge der Belastung durch Überarbeitung und den Druck, die knappe Macht zu halten. Lauren O’Neil ist ausgezeichnet als Ann Taylor, eine seltene Frau in diesem Jungenclub, die dem beiläufigen Sexismus der Zeit souverän begegnet.
Giles Taylor als Speaker. Foto: Johan Persson
Die Notwendigkeit, im Plenarsaal anwesend zu sein, wenn die Mehrheit so knapp ist, bildet das Herz des Stücks. Der Abgeordnete für Batley, in einer wunderbaren Darstellung von Christopher Goodwin, kämpft trotz angeschlagener Gesundheit darum, im Parlament zu sein und während des gesamten Zeitraums für Labour zu stimmen. Bis er, weil er buchstäblich mit einem Bein im Grab steht, zur letzten Vertrauensabstimmung nicht mehr gebeten wird – und die Opposition mit einer einzigen Stimme gewinnt. Dieser eine Moment führt zur Wahl von Margaret Thatcher; so kleinste Nuancen können den Lauf der Geschichte wenden.
Regisseur Jeremy Herrin gibt dem Stück die epische Bühne, die es verdient, und Live-Musik lässt die Übergänge geschmeidig fliessen – die Band spiegelt den wachsenden Punk-Einfluss, je weiter die Jahre voranschreiten! Zwar verlangsamt sich das Tempo in der etwas zu langen zweiten Hälfte stellenweise, doch die Inszenierung besitzt eine enorme Klarheit (etwa wenn der Speaker des House jeden einzelnen MP vorstellt), die das Publikum bei der Stange hält. Ebenfalls spürbar ist der Respekt, den die Whips füreinander haben – und das machte mich nostalgisch für eine Zeit, in der Politik weniger tribal wirkte als heute.
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