NACHRICHTEN
REZENSION: The Seth Concert Series mit Jessica Vosk Online ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
30. Januar 2021
Von
julianeaves
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Julian Eaves bespricht die Präsentation dieser Woche aus der Seth Concert Series mit Broadway-Star Jessica Vosk – online gestreamt.
Jessica Vosk The Seth Concert Series: with Jessica Vosk and Seth Rudetsky Online live Sonntag, 24. Januar, Wiederholung Montag, 25. Januar
5 Sterne
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Los ging’s mit „Beautiful“ (Carole King): Das rauchige, sinnliche, satte Mezzotimbre dieser Rockgöttin der Bühne, Jessica Vosk, eröffnete das Programm – und die Reihe – mit einem selbstbewussten Schwung in diese glänzende, neue „Biden-Ära“. Klassisch ausgebildet, als junge Frau enorm aktiv und ehrgeizig, ist diese jüdisch-polnische Sängerin und Schauspielerin der Inbegriff dessen, worum es im amerikanischen Musical geht. Hören Sie ihr bei Gershwins „Someone To Watch Over Me“ zu, dann wissen Sie’s: Die Technik ist hier genau so, wie sie sein soll, wie sie sein kann – aber sie drängt sich niemals, wirklich niemals, vor Geschichte, Stimmung oder Gefühl. Entscheidend ist wie immer die unendlich vielfältige Färbung der Vokale, denn dort ist der emotionale Ausdruck am zwingendsten – von den reinsten, exquisit gestützten, wunderbar runden Tönen bis hin zu kleinen Vibrato-Anrissen und hinein und hinaus aus nahezu gefährlich freiliegenden Diphthongen.
Ja, in dieser Show sprechen wir ohne Scheu auch über Technik. Warum? Wenn du keine Technik hast – und kein Herz –, wirst du nie so sein wie sie. Denn sonst klingst du am Ende wie eine dieser Sängerinnen, die NUR das „Maschinenwerk“ ihrer Stimme haben, das ihnen dient, und die es nie schaffen, die Seele zu berühren. (Und über die sprechen wir lieber gar nicht.)
Zum Beispiel: Ein Song wie „I Don't Know How To Love Him“ (Andrew Lloyd Webber/Tim Rice) – als Nächstes dran – ist ein großartiges Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man eine starke, klare und absolut konsequente Entscheidung trifft, wessen Stimme wir da eigentlich hören: ein rauerer, erdigerer, kantigerer Klang als bisher. Und – wenn man ihrer Geschichte zuhört, wie sie versuchte, als braver Wall-Street-Angestellter „dazuzugehören“, fleißig auf eine Villa in Scarsdale hinarbeitete und es hasste – dann liegt das nicht zuletzt an ihrer Fähigkeit, aus dem Korsett konservativer Erwartungen und bürgerlicher Respektabilität auszubrechen. Die Geschichte, die sie zu erzählen hat, ist mit anderen Worten eine von Revolte und Aufbegehren. (Aber im Gegensatz zu Trumps war diese erfolgreich.)
Dann: Pasek und Pauls „A Million Dreams“ aus „The Greatest Showman“. Was für ein schöner Song – und ein noch besserer Beleg dafür, dass das Musical tatsächlich die Partitur für solche Leben aus Leidenschaft, Hingabe, Glauben und – entscheidend – vollendeter Kunstfertigkeit schreibt. Wenn man Vosk das singen hört, kann man sie förmlich auf der Bühne „sehen“: In ihrer prächtigen Stimme steckt eine ganz natürliche dramatische Überzeugungskraft.
Und dann gab’s eine Portion Disney. Eine Disney-Prinzessin noch dazu. Na ja, zumindest prinzessinnenartig: und das war, nun ja, wohl Alan-Menken-Terrain. Wer sonst schreibt die ganze Musik für dieses Franchise? In ihren Händen wird „Part Of That World“ (Text: Howard Ashman) zu einem hübschen „I want“-Song für jedes aufgeweckte, begeisterte, hart arbeitende jüdische Mädchen, das in Manhattan auftaucht, in einem Diner sitzt und auf das Gewusel von New York City hinausstarrt, träumend über ihren „coffee and...“ Was hat das mit Meerjungfrauen zu tun? Nun, soweit ich weiß, gibt es in dieser Welt keine Meerjungfrauen – aber eine ganze Menge Menschen in New York.
Darum geht’s im Musical: um diese „packen wir’s an“-Haltung, die unsere Jess dazu bringt, ihre Talente auch in soziale und politische Anliegen einzubringen – etwa LGBTQ-Rechte und mehr. Echos dieses Engagements – kraftvolle – hallen durch eine der ikonischen Partituren unserer Zeit: Stephen Schwartz’ „Wicked“. Davon bekamen wir also einen ordentlichen Schuss, bevor die urbanen Zahnräder Richtung West Side mahlten: ein Stück Anita, die ihren Teil dieser besonderen „Story“ (Bernstein/Sondheim) erzählt – was uns wiederum bis zu Jason Robert Browns wunderbarster, lyrischster Musik und seinen Worten in „The Bridges Of Madison County“ führte. Doch statt daraus etwas zu hören, gab’s „I Can Do Better Than That“ aus einer weiteren von JRBs unendlich faszinierenden Shows, „The Last Five Years“.
Wie anders, wie ganz und gar anders ist Elton John und Bernie Taupins erster gigantischer Hit „Your Song“. Jess erzählt davon, wie sie in einem Haus aufwuchs, das von der Musik der Siebziger erfüllt war – einer Ära, in die Rudetsky genauso verliebt ist. Danach folgten schwungvollere Sachen, und dann bekamen wir „Another Hundred People“ (Sondheim, aus „Company“) von dieser Frau, die den Verkehr von New York City regelrecht in den Adern hat. Und wenn sie so singt, sind wir auch mitten drin.
„Ist das gerade wirklich passiert?“, fragt sie als Nächstes – in einem weiteren Mega-Hit aus „Wicked“, „When I Meet The Wizard“. Tja, offenbar schon. Und war es nicht großartig, dass wir dabei waren, als es passierte?
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