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KRITIK: Das Gesicht, Orange Tree Theatre Richmond ✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

timhochstrasser

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Tim Hochstrasser bespricht Polly Stenhams Stück „That Face“, das derzeit im Orange Tree Theatre in Richmond läuft.

Niamh Cusack in „That Face“. Foto: Johan Perrson That Face

Orange Tree Theatre, Richmond

3 Sterne

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Das Orange Tree Theatre leistet hervorragende Arbeit: Es beauftragt neue Stücke und holt solche zurück auf die Bühne, die in Vergessenheit geraten sind. Niemand könnte behaupten, Polly Stenhams Gesamtwerk werde vernachlässigt oder nicht gewürdigt; doch es ist fünfzehn Jahre her, seit ihr Durchbruchsstück „That Face“ am Royal Court mit grossem Kritikerlob aufgenommen wurde – umso passender ist es, nun zu sehen, wie es sich in einer frischen Produktion behauptet. Bedauerlicherweise bleibe ich trotz mancher herausragender schauspielerischer Leistungen nicht überzeugt.

Das Drama zeigt den Zerfall einer Familie – spektakulär, mit Wohlstand und Dysfunktion in gleichem Mass. Der Vater Hugh, eine Art Börsenmakler in Hongkong, hat seine Familie vor einiger Zeit für eine zweite Frau und ein Kind verlassen und hält zu seiner Ex-Frau und den Kindern nur noch über finanzielle Zuwendungen Kontakt – seine „Lösung“ für jedes Problem. Die erste Ehefrau Martha ist derweil in eine Spirale aus Drogen und Alkohol abgerutscht, so sehr, dass ihr Sohn Henry die Schule abbrechen musste, um sich um sie zu kümmern – die Rollen von Elternteil und Kind sind vollständig vertauscht. Die jüngere Tochter Mia hat Abstand gehalten, doch gleich zu Beginn sehen wir, wie sie auf eine andere Weise aus der Spur gerät. Sie und eine ältere Mitschülerin betäuben in einem Schlafsaal bei einem Demütigungsritual eine jüngere Schülerin, was zu Mias Schulverweis führt – und zu Hughs Rückkehr nach England, um alles „in Ordnung zu bringen“.

Die Inszenierung konzentriert sich auf ein schlichtes Bett, das zwischen den Szenen rotiert, während Requisiten hinzugefügt oder entfernt werden. Zunächst ist es das ordentliche Bett eines Schulwohnheims, dann wird es rasch zur Bühne für Marthas verwahrloste Existenz aus Pillen, Alkohol, Zigaretten und immer weiter anwachsenden Trümmern des Alltags. Dieses straff fokussierte Bühnenbild von Eleanor Bull wird durch ein präzises, scharf geschnittenes Lichtdesign von Jamie Platt ergänzt, das um zwei kreisförmige Lichtleisten aufgebaut ist, die über dem Geschehen zu schweben scheinen. Wie üblich im Orange Tree sind die Produktionswerte ökonomisch und nutzen die vier Ein- und Ausgänge, die das Rundtheater ermöglicht, voll aus.

Niamh Cusack, Kasper Hilton-Hille, Ruby Stokes und Dominic Mafham. Foto: Johan Perrson

Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg mindestens gut, manche sind herausragend. In der zentralen, teils geradezu monströsen Rolle der verstörten Martha wechselt Niamh Cusack mit echtem Elan zwischen nervöser Energie, schmeichelnder Manipulation, giftiger Bosheit und trügerischer Unbestimmtheit. Es gibt nie genug hochwertige Rollen für ältere Schauspielerinnen – und sie ergreift diese hervorragende Gelegenheit mit beiden Händen. Ebenso beeindruckend sind Kaspar Hilton-Hille und Ruby Stokes, beide in ihrem Bühnendebüt. Hilton-Hille steht im Zentrum der meisten Szenen und versucht verzweifelt, Ordnung und Sicherheit in die aus den Fugen geratene Welt seiner Mutter zurückzubringen. Er lässt uns verstehen, warum er so sehr davor zurückschreckt, dass der Albtraum damit endet, dass seine Mutter in eine geschützte Einrichtung kommt – denn das würde all seinen eigenen Bemühungen, die Situation zu bewältigen, den Sinn nehmen. Am Ende spüren wir sehr deutlich, welchen Preis seine eigene seelische Stabilität für derart furchtbare Eltern zahlt. In vielerlei Hinsicht ist er das eigentliche Opfer. Auch Stokes liefert eine fein austarierte Darstellung in einer Figur, die zunächst deutlich anspruchsvoller und gefühlskälter wirkt, in Wahrheit aber eine andere Reihe von Reaktionen auf eine unlösbare Situation ist.

Die beiden übrigen Rollen sind eher knapp gezeichnet – und das ist ein Teil dessen, was am Stück insgesamt nicht aufgeht. Die ältere Schülerin Izzy wird von Sarita Gabony mit flotter, ernüchternder Arroganz gespielt; doch nach einem starken Auftakt verschwindet sie nach einer flüchtigen sexuellen Begegnung mit Henry plötzlich aus dem Geschehen. Das gegenteilige Problem zeigt sich beim Vater Hugh: Er tritt schlicht zu spät auf, um seine Figur wirklich zu etablieren – seine früheren Handlungen müssen enorm viel Erklärungslast tragen, doch er erhält wenig Zeit, seine Sicht darzulegen oder seine Entscheidungen zu bereuen. Dominic Mafham macht das Beste aus dem Material.

Für eine neunzehnjährige Autorin ist dieses Stück eine bemerkenswerte Leistung. Doch es gibt echte Schwächen. Neben dem Problem der Balance zwischen den Figuren gibt es schlicht zu viel Martha „in extremis“, so zwingend die Darsteller diese Szenen auch gestalten. Der Ton besitzt eine unerbittliche Intensität beredter, innerfamiliärer Zerfleischung, die nicht in dem Mass an- und abschwillt, wie sie es sollte – was nahelegt, dass das Stück seine offensichtlichen Vorbilder bei Coward, Albee und Tennessee Williams nie ganz hinter sich gelassen hat.

„That Face“ läuft im Orange Tree Theatre bis zum 7. Oktober 2023.

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