NACHRICHTEN
REZENSION: Take Me To The World, Gestreamt auf YouTube ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
28. April 2020
Von
Ray Rackham
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Ray Rackham bespricht Take Me To The World, ein gestreamtes Konzert zur Feier von Stephen Sondheims 90. Geburtstag, präsentiert von Broadway.com auf YouTube.
https://youtu.be/A92wZIvEUAw
Take Me To The World
Streaming über YouTube
26. April 2020
5 Sterne
Neues Jahr, neue Sondheim-Hommage – so lautet der abgenutzte Witz. Die erste gab es vor achtundvierzig Jahren, als der damalige Liebling des Broadway in die Kulissen der Originalproduktion von A Little Night Music platzte, um den damaligen Werkkatalog des Meisters zu singen (der schon reich an Kostbarkeiten war, noch bevor die Welt Sweeney Todd, Sunday in the Park und Co. bekam). Sondheim wurde in der Royal Albert Hall gefeiert, in der Carnegie Hall, sogar in der Hollywood Bowl (vielleicht als Trick, um Streisands Erscheinen zu garantieren). Tatsächlich scheint der grösste lebende Broadway-Komponist kaum die Kerzen auspusten und sich nach der Pensionierung etwas wünschen zu können, ohne dass ein Orchester begleitend mitspielen will.
Eine Zeit lang sah es allerdings so aus, als würden wir dieses Jahr zum bedeutenden 90. Geburtstag keine grosse, grelle, starbesetzte Sause bekommen; vielleicht, weil nach so vielen vorherigen Feiern kaum noch etwas übrig blieb, das man nicht schon gewürdigt hätte. Dann kam eine globale Pandemie – und der Broadway entschied sich, zur Feier des Anlasses die A-Liga aufzubieten.
Melissa Errico
Verlass dich auf den Broadway – der macht’s besser als alle anderen! Fast alle ganz grossen Namen der Broadway-Bühne waren bei „Take Me to the World: A Sondheim 90th Birthday Celebration“ dabei, und mit „dabei“ ist in diesem Fall gemeint: Sie blieben zu Hause. Vielleicht zum ersten und einzigen Mal sah man die Glitzerwelt des amerikanischen Musicaltheaters in akustisch herrlichen Badezimmern kauern, Selfie-Videos in ihren geschmackvoll eingerichteten Häusern drehen, neben dem eigenen Übungsklavier sitzen oder (passenderweise) an einem „river on a (not so) ordinary Sunday“ stehen. Kinder, Haustiere und AirPods spielten eine grosse Rolle in diesem Social-Distancing-Triumph, der in seiner Schlichtheit erstaunlich episch wirkte. Vielleicht wird Sondheims 90. Geburtstag als „one peculiar passing moment“ in Erinnerung bleiben – als der Augenblick, in dem die Prominenz uns im Lounge-Look in ihre Wohnzimmer bat und uns nicht nur einen unvergesslichen Abend schenkte, sondern uns auch daran erinnerte, dass wirklich gilt: „no one is alone“. Hervorragend demonstrierte das Melissa Errico – nachdem sie mit ihrer Version von „Children and Art“ aus SUNDAY IN THE PARK WITH GEORGE gerade ihre Position als Barbara Cooks Nachfolgerin sowohl als herausragende Interpretin von Sondheims Werk als auch als Meisterin der Kunst des „Acting through Song“ untermauert hatte – um dann rasch in die Küche zu verschwinden und der Familie das Abendessen zu machen. Kunst und Alltag, in einer musikalischen Ehe, wie sie nur Sondheims Werk erdenken kann.
Ann Harada, Austin Ku, Kelvin Moon Loh und Thom Sesma
Technische Pannen mal beiseite (die Welt steht Kopf – wenn wir Verzögerungen, Streaming-Probleme und ein bisschen wackeliges Lip-Sync nicht verzeihen können, sollten wir uns ernsthaft an die eigene Nase fassen): Diese musikalische Hommage war ein Überfluss an Reichtümern. Von Stephen Schwartz, der den Abend mit einer wunderschönen Interpretation des „Prologue“ aus FOLLIES eröffnete, bis zu Bernadette Peters’ berührend eleganter A-cappella-Version von „No One Is Alone“ aus INTO THE WOODS. Zwei Momente voraufgezeichneter Zauberei stachen besonders heraus – hier liessen cleverer Schnitt und zahlreiche Splitscreens die Beiträge regelrecht von der Leinwand springen. Der erste war die MERRILY WE ROLL ALONG-Ouvertüre, die ganz natürlich auf Schwartz’ Prologue folgte: In einem Akt technischer Brillanz kamen Dutzende Broadway-Musiker*innen zusammen und sorgten für einen mitreissenden, rasanten Start in den Abend, der die Messlatte hoch legte. Dann lieferten Ann Harada, Austin Ku, Kelvin Moon Loh und Thom Sesma eine einzigartige Version von „Someone in a Tree“ aus PACIFIC OVERTURES – inklusive Blicken nach oben, unten und quer über den Bildschirm wie eine makellose Brady-Bunch-Aufstellung; sie belebten den Song mühelos und trafen darüber hinaus den Quarantäne-Zeitgeist so genau, dass sich Isolation für einen Moment plötzlich okay anfühlte.
Beanie Feldstein und Ben Platt
Es gab niedliche Momente (ich denke, Beanie Feldstein und ein moustachierter Ben Platt – geschniegelt in Latzhosen – die „It Takes Two“ aus WOODS sangen, haben diesen Preis abgeräumt), kluge Songauswahlen (wenig überraschend sangen Judy Kuhn und Brian Stokes Mitchell weniger bekannte oder gestrichene Nummern, die – durch Auswahl und Interpretation – bei allen Zuschauer*innen bleibende Eindrücke hinterlassen), und leise, unaufdringliche Brillanz (Aaron Tveit am Fenster, der COMPANYs „Marry Me a Little“ in ein menschenleeres New York City hinein singt – das garantierte weltweit ein, zwei Tränen).
Jake Gyllenhaal und Annaleigh Ashford
Die grossen Songs waren den grossen Namen vorbehalten: Jake Gyllenhaal nahm „Move On“ im Splitscreen mit Annaleigh Ashford wieder auf und liess jede*n Londoner*in die drohende Absetzung von The Savoy’s SUNDAY fürchten; während Patti LuPone vor ihrem Bücherregal stand und vielleicht Sondheims autobiografischstes Lied sang: „Anyone Can Whistle“.
Patti LuPone
Ohne Zweifel waren Chip Zein, der „No More“ sang – rund 34 Jahre, nachdem er den Song am Broadway uraufgeführt hatte –, Donna Murphy, eingerahmt von einem Klavier, einem Strauss Tulpen und einem originalen Al Hirschfeld, mit „Send in the Clowns“, sowie der überraschende Auftritt von Elizabeth Stanley mit „The Miller’s Son“ die wahren künstlerischen Höhepunkte des Abends. Wobei: Wer könnte sich der subtilen Kunst entziehen, wenn Mandy Patinkin neben einem Fluss gefilmt wird und Lesson #8 aus Sunday in the Park with George singt?
Christine Baranski, Audra McDonald und Meryl Streep.
Diese Tribute-Konzerte haben immer diesen einen Moment, über den am nächsten Tag alle reden – und Sondheims 90. Geburtstagsparty war da keine Ausnahme. Christine Baranski, Meryl Streep und Audra McDonald – jede in einem weissen Bademantel und mit ihrer persönlichen Wahl an Hochprozentigem – lieferten eine messerscharfe, pointierte Version von „Ladies Who Lunch“, die das Zoom-Meeting-Setup weit hinter sich liess und (in den Worten der schmerzlich vermissten Elaine Stritch) zu dem Dreiakter wurde, auf den wir alle gewartet hatten. Dieser Rezensent spendierte in seinem Wohnzimmer eine Standing Ovation, während man McDonald im Abspann spielerisch rufen hörte, sie habe „got it all wrong“.
Raul Esparza
Wie bei jedem Tribute-Konzert liegt die Kunst darin, Hosts und Künstler*innen auszubalancieren. Der Quarantäne-Starfaktor derjenigen, die „nur“ ein paar nette Worte sagen sollten, war – milde ausgedrückt – jenseits aller Skalen. Produziert und moderiert von Raul Esparza (der selbst kein Unbekannter in der einen oder anderen Sondheim-Hauptrolle ist), lieferten die Talking Heads des Abends weniger von den üblichen „Brava“-Momenten, die man erwarten könnte, dafür eine angenehm direkte, ehrliche und intime Botschaft an Mr Sondheim und an
Bernadette Peters
uns alle. Ob Joanna Gleason, die gestand: „its your birthday, but you are the gift“, oder Nathan Lanes Beobachtung, „he’s a nice genius“ – den Wow-Moment gab es, als Steven Spielberg (dessen West Side Story-Neuverfilmung zum Zeitpunkt des Lockdowns in der Postproduktion war) einräumte, dass Sondheims Filmwissen sein eigenes übertreffe. Und Victor Garbers Sprechstimme könnte immer noch Butter schmelzen lassen!
Verspielt, wehmütig und sich seiner selbst voll bewusst (ganz wie der Werkkanon, den es feiert) hat sich Take Me To The World seinen Platz neben den Geburtstags-Hommagen mehr als verdient, über die man noch jahrelang sprechen – und die man millionenfach auf YouTube wieder abspielen – wird. Für gut zwei Stunden hörte die Welt zu, wirklich zu: einander und auch uns selbst. Als Ms Peters sang: „sometimes people leave you halfway through the woods“, schluchzte dieser Rezensent ganz offen – fast so, als hörte er diese Zeile zum allerersten Mal. Bravo, Steve – bis nächstes Jahr.
Fotos: Broadway.com
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