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KRITIK: Solaris, Lyric Hammersmith ✭✭✭✭
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Von
julianeaves
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Julian Eaves bespricht Solaris, jetzt am Lyric Hammersmith zu sehen.
Jade Ogugua, Polly Frame, Keegan Joyce und Fode Simbo in Solaris. Foto: Mihaela Bodlovic Solaris
Lyric Theatre, Hammersmith
14. Oktober 2019
4 Sterne
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„Es ist ein Rätsel, eingehüllt in ein Geheimnis, verborgen in einem Enigma“, sagte Churchill über Russland. Er hätte ebenso gut an diese seltsame Science-Fiction-Geschichte des in Lwiw geborenen Polen Stanisław Lem jüdischer Herkunft denken können, die 1961 in der Tauwetterzeit nach Stalin international für Aufsehen sorgte und neun Jahre später von Andrei Tarkowski so eindrücklich verfilmt wurde. Ende der 1970er-Jahre wurde der Film – gefeiert als einer der besten, die dieses Genre je hervorgebracht hat – im BBC-Fernsehen ausgestrahlt und hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Wenn man sich nun Steven Soderberghs Remake von 2002 ansieht und jetzt diese brillante Bühnenadaption von Autor David Greig und Regisseur Matthew Lutton, ist es verblüffend, wie tief sich Tarkowskis Version der Geschichte in mein Gedächtnis eingegraben hat.
Fode Simbo und Polly Frame. Foto: Mihaela Bodlovic
All das ist relevant, weil die Geschichte vor allem eine Meditation über die Natur der Erinnerung und ihre Macht über uns ist. Wie so mancher Agnostiker oder Atheist vor ihm ist Lem vom Unaussprechlichen und vom Mystischen besessen: Tatsächlich lässt sich dieses Garn aus persönlichen Lieben und Qualen, angesiedelt auf einer Raumstation, die einen exotischen, fernen, von Ozeanen bedeckten Planeten umkreist, plausibel als Metapher für die Rolle der Religion (sprich: des Christentums) im Sowjetblock lesen – und für vieles darüber hinaus: Wissenschaft versus Leidenschaften; das Verhältnis zwischen Mensch und Natur; freier Wille und Vorherbestimmung; das Wesen des Selbst; und mehr....
Keegan Joyce. Foto: Mihaela Bodlovic
In Hyemi Shins Bühnen- und Kostümbild gibt es zahlreiche Anklänge an den Film: Ein langgestreckter, im „Letterbox“-Format ausgeleuchteter Spielraum erinnert an das Bildformat des Films ebenso wie an seine vielen trägen Schwenks; die Übergänge zwischen den Szenen erfolgen über Blackouts, in die geisterhafte digitale Bilder von wogenden Wellen hineinflackern (großartige Lichtgestaltung von Paul Jackson, realisiert von Stephen Hawker); und Jethro Woodwards Komposition und Sounddesign evozieren den sowjetischen Film (wo Eduard Artemjew elektronische Musik mit J. S. Bach mischte, kombiniert Woodward seine Elektronik mit Vivaldi).
Hugo Weaving und Polly Frame. Foto: Mihaela Bodlovic
Der Schauspielstil ist jedoch ein ganz anderer. Verwurzelt im „direkten“ Stil des australischen Theaters (Lutton ist künstlerischer Leiter am berühmten Malthouse Theatre in Perth, Western Australia) und gefiltert durch die beherzte Handschrift des Royal Lyceum in Edinburgh (wo Greig Intendant ist), hat die Inszenierung eine lebendige, warme, unangestrengte Natürlichkeit gewonnen, die in der kühlen, hypermodernen Fantasiewelt, die uns gezeigt wird, etwas sonderbar wirkt. Tatsächlich liegt über weite Strecken eine fast seifenoperhafte Sachlichkeit in Sprache und Verhalten des Ensembles, die der Handlung einiges von ihrer epischen Wucht nimmt. Lutton taktet die Dialoge zügig, was – in der ersten Hälfte des Abends – oft unnötig gehetzt wirkt; in der zweiten Hälfte jedoch profitiert die gesteigerte Intensität des Dramas von diesem Tempo.
Polly Frame sticht als Kris hervor, eine Besucherin der Raumstation; sie wird geschickt, um die moralische Standfestigkeit der Crew zu überprüfen (bis hierhin: sehr Ninotschka), und gerät selbst schnell in den Bann der seltsamen Verführungskraft des Planeten. Sie hat eine kraftvolle und zugleich jungenhafte Bühnenpräsenz sowie eine elfengleiche, flirrende Art, die nach mehr als nur dem Menschlichen klingt. Das macht sie zur idealen Partnerin für Keegan Joyces gehetzten Ray, eine „Besucherin“, die der Planet in Gestalt ihrer verstorbenen Geliebten schickt. Im Gegensatz zu Kris’ Bereitschaft, sich auf Solaris einzulassen, weist Jade Oguguas Satorious die Eigenarten dieses Ortes kühl zurück – vor allem die lästige Angewohnheit, aus ihren einflussreichsten Erinnerungen körperliche Wirklichkeit zu machen: Sie ignoriert ihren eigenen „Besucher“ völlig, eine tote Tochter (gespielt von Lily Loya oder Talia Sokal). Unterstützt wird sie dabei von Fode Simbos Snow sowie von den Videoeinspielungen des inzwischen verstorbenen Kapitäns Gibarian (gespielt von Hugo Weaving – warum müssen diese Geschichten eigentlich immer einen toten Captain haben?). Solche Stoffe sind mehr als spannende Erzählungen: Sie sind moderne Mythen. Und Mythen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nahezu unbegrenzt interpretierbar sind.
Keegan Joyce und Fode Simbo. Foto: Mihaela Bodlovic
Und was die Reaktion des Publikums betrifft: Nun ja – jeder, so scheint es, kann aus den Eskapaden so ziemlich das mitnehmen, was er oder sie möchte. Für mich gehört zu den nachhaltigsten Eindrücken, dass die „Puppen“-Besucher vom Planeten Solaris in ihren Handlungen, Gedanken und Gefühlen keineswegs weniger begrenzt sind als die „freien“ menschlichen Bewohner der Raumstation. Und wenn das nicht als Allegorie auf das Leben unter kommunistischer Diktatur gemeint ist, weiß ich auch nicht. Doch diese Geschichte handelt von so viel mehr: Letztlich ist sie tatsächlich eine Debatte über das Wesen und den Zweck von Schöpfung und vom Leben selbst.
Begeben Sie sich auf die Reise nach Solaris – und vielleicht wollen Sie gar nicht mehr zurück.
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