NACHRICHTEN
KRITIK: Sir John In Love, British Youth Opera, Opera Holland Park ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
Share
Tim Hochstrasser bespricht Vaughan Williams’ Sir John in Love in einer Gastresidenz der British Youth Opera im Opera Holland Park.
Foto: Alastair Muir Sir John in Love
British Youth Opera
Opera Holland Park
25. August 2022
4 Sterne
Website der British Youth Opera Mit einer kurzen Gastresidenz der British Youth Opera fällt in diesem Jahr im Opera Holland Park der Vorhang. Das Ensemble leistet ausgesprochen wichtige, aber oft unterschätzte Arbeit bei der Ausbildung der nächsten Generation von Opernprofis in diesem Land – nicht nur der Sängerinnen und Sänger, sondern ebenso der Orchestermusikerinnen und -musiker sowie der technischen Teams. Es war ein doppelter Genuss, weil der Abend zugleich eine seltene Gelegenheit bot, Vaughan Williams’ „Sir John in Love“ zu hören – ein Werk, das 2006 an der ENO bemerkenswert aufgeführt wurde, seither jedoch nur selten.
Foto: Alastair Muir
Es war eine mutige Entscheidung des Komponisten, nur dreißig Jahre nach Verdi ähnliches Terrain zu betreten; tatsächlich ist dies jedoch eine deutlich andere Sicht auf die Falstaff-Geschichte als die sorgfältig geschichtete Fassung, die Boito ebenso aus den Henry-IV-Stücken wie aus „Die lustigen Weiber von Windsor“ montiert hat. Vaughan Williams hält sich wesentlich enger an Letzteres und fügt zudem Text von anderen zeitgenössischen Autoren hinzu. So wird das Libretto zu einer gut gemeinten, tudor-bethanischen Melange – mit einigen Momenten unbeabsichtigten Humors. Erfolgreicher ist er dort, wo er seiner Vorliebe für Volkslied folgt: Er integriert zahlreiche modale Melodien der Epoche mit ihren Originaltexten. Die größere Orchesterpartitur ist dicht gesetzt, mit allen vertrauten Bestandteilen der reifen Klangwelt dieses Komponisten – üppige Pastorale, darunter ein bezauberndes Zwischenspiel nach „Greensleeves“, kraftvolle, stark instrumentierte Chorpassagen, düstere Seiteneinschübe sowie feine Inseln ruhiger Melancholie und Laune.
Foto: Alastair Muir
Da die Handlung so vertraut ist und der Humor der „Lustigen Weiber“ eher derb als subtil ausfällt, braucht eine Produktion, die wirklich Eindruck machen will, Tempo, eine schlüssige Führung der vielen Massenszenen und ein lebendiges, kreativ-dynamisches Spiel der Hauptpartien. So solide gemacht das Ganze auch war: Ohne all das kann die dramatische Zugkraft der Partitur leicht nachlassen. Regisseur Harry Fehr und Dirigentin Marit Strindlund treiben die Handlung beeindruckend voran und nutzen die weiten, offenen Spielflächen im Opera Holland Park voll aus. Ein flexibles, minimalistisches Bühnenbild liefert ausreichend Andeutungen für Innenräume; Kostüme und Licht ergeben eine stimmige Kombination und rufen für das Finale besonders überzeugend den Windsor Forest herauf. Doch zwangsläufig war bei einer jungen Besetzung die fein ausgearbeitete Charakterzeichnung, die viele Rollen erst richtig zum Leben erweckt, nur stellenweise vorhanden.
Foto: Alastair Muir
Gesanglich war jedoch vieles wirklich beeindruckend. Es gibt zwei Besetzungen; die folgenden Anmerkungen beziehen sich ausschließlich auf den 25. August. Conrad Chatterton gab den beleibten Ritter mit reichlich Poltern und Draufgängertum, hätte aber vielleicht noch etwas mehr hintergründige Schlauheit finden können. Philip Costovski, Toki Hamano und Armand Rabot als seine derben Spießgesellen hatten jeweils starke solistische Momente, und die zentralen Paare – Fords und Pages – waren stimmlich durchweg gut aufeinander abgestimmt. Nancy Holt war eine besonders temperamentvolle Mistress Quickly, und hervorragende Arbeit leisteten Justin Jacobs als Dr Caius, Joshua Saunders als Justice Shallow, James Micklethwaite als dessen Neffe Slender sowie Emyr Lloyd Jones als Pfarrer – alles Rollen, die hier deutlich ausführlicher entwickelt sind als in Verdis Version. Clara Barbier Serrano und Sam Harris meisterten die strahlend anspruchsvolle Musik der jungen Liebenden Anne und Fenton souverän.
Foto: Alastair Muir
Auch das Orchesterspiel war beeindruckend. Mit etwas mehr Probenzeit hätte man zweifellos die Klangbalance zwischen Graben und Bühne noch feinjustieren und ein paar Synchronitätsprobleme vermeiden können; ansonsten war dies eine souveräne Darbietung einer komplexen Partitur, mit einem selbstbewusst satten Klang in allen Gruppen – besonders in den mehreren Zwischenspielen, die die wesentlichen Szenenwechsel überbrücken. Dirigentin Marit Strindlund bewältigte die großen Höhepunkte und einige heikle Übergänge mit echter Könnerschaft.
Als Ausbildungsprojekt war diese Oper eine ausgezeichnete Wahl – es gibt viele mittelgroße Rollen, die wertvolle Erfahrung ermöglichen, und ein beträchtlicher Teil der Figuren ist zudem selbst noch jung. Es fällt viel Bühnengeschehen an, an dem sich die Fähigkeiten der Inspizienz und Stage-Management-Teams schärfen lassen, und die geforderte orchestrale Palette ist vielfältig, mit zahlreichen symphonisch ausgreifenden Momenten, in denen das Orchester im Grunde selbst zur handelnden Figur wird – auch das ist für die Musikerinnen und Musiker äußerst lehrreich.
Für das Publikum war es eine seltene Gelegenheit, ein unterschätztes Werk zu erleben, das einen wichtigen Teil des übergeordneten Manifests des Komponisten ausmacht: dass englische Musik aus englischem Material schöpfen solle – sowohl aus der Stofftradition als auch aus dem Volkslied – statt kontinentalen Vorbildern zu folgen. Alles in allem ein durchgehend fesselnder und sehr befriedigender Abend.
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie