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KRITIK: Seasons Of Larson, Apollo Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
emilyhardy
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Die Besetzung von Seasons Of Larson. Foto: Claire Bilyard Seasons Of Larson
Lyric Theatre
25. Januar 2016
4 Sterne
Worin liegt eigentlich der Sinn eines einmaligen Konzertabends wie Seasons of Larson? Ohne Kontext, Figuren oder Konsequenzen – wie soll das Werk des verstorbenen, legendären Broadway-Komponisten hier funktionieren? Es kann doch kaum berühren, an diesem ungewöhnlich milden Januarabend, innerhalb der hohlen Rahmenbedingungen eines West-End-Theaters, mit Performer*innen an Mikrofonständern … oder etwa doch?
Stimmt schon. Im Zuschauerraum des Lyric Theatre sitzend – genau 20 Jahre nach Jonathan Larsons Tod – fühlt man sich tatsächlich meilenweit entfernt vom Leben eines kämpfenden Künstlers in Amerika „am Ende des Jahrtausends“. Und doch entkam das Publikum diesen Fesseln dank Adrian Gees subtilem Design, Grant Murphys Regie-Gespür und der kraftvollen Live-Band auf der Bühne unter der Leitung von Musical Director Gareth Bretherton (der neben allem anderen auch ein hervorragender Tänzer ist).
Die Besetzung – Anton Stephans, Noel Sullivan, Debbie Kurup, Krysten Cummings und Damien Flood – nahm sich Larsons ikonischster Songs (Seasons of Love, What You Own, Louder Than Words) an und erweckte zugleich einige seiner weniger bekannten Arbeiten (Break Out The Booze und Open Road) wieder zum Leben. Dazwischen standen berührende, sehr persönliche Reflexionen der Darsteller*innen darüber, wie sehr sie der Komponist geprägt hat. Sie packten Larsons Texte und die sich aufschichtenden Rock-Melodien mit beiden Händen – jedes Wort, jeder Beat voller Wut und Dringlichkeit; seine Lyrics tragen Botschaften, die man nicht einfach passiv schlucken kann, und fangen jene Eile ein, die so typisch ist für ein Leben, das viel zu früh endete. Sullivan (Dirty Rotten Scoundrels, Rock of Ages, Priscilla Queen Of The Desert und We Will Rock You) spuckte die Worte aus, als wären es seine letzten, und hinterliess einen besonderen Eindruck – mit Energie und Herz in bekannten wie in weniger bekannten Nummern. Das Konzert in vier Teilen – die Jahreszeiten von Larsons Leben – zündete so richtig mit Cummings’ und Kurups Version von Take Me Or Leave Me aus Rent, dem Musical, für das Larson am bekanntesten ist und für das er posthum den Pulitzer-Preis für Drama 1996 sowie den Tony Award 1996 für das beste Musical erhielt. Diese beiden zeigten eine seltene Ausgelassenheit und Spielfreude, die nur entsteht, wenn ein Song einem wirklich „in den Knochen“ sitzt. Das gilt ebenso für Cummings’ (Mimi in Rent im West End und auf Tour) „gelebte“ und herrlich fiebrige Interpretation von Out Tonight. Der echte Rocker Flood, der Roger in Rent sowohl im West End als auch auf Tour spielte, fand naturgemäss bei What You Own und One Song Glory - vollends zu sich – und sang Letzteren mit einem enormen Gefühl von Privileg und natürlich Nostalgie. Keine Frage: Dieser Song ist und bleibt ihm kostbar – ebenso wie seine talentierte Tochter Scarlett Silver, die ihr West-End-Debüt mit Larsons Destination Sky. gab.
Krysten Cummings in Seasons Of Larson. Foto: Claire Bilyard Die stimmliche Leistung des Abends jedoch geht ohne jede Frage an Kurup, die ganz gewiss in Amerika „am Ende des Jahrtausends“ gelebt hat und Mimi in kanadischen, Londoner und Broadway-Produktionen von Rent. spielte. Kurup sang Come To Your Senses aus Tick Tick Boom und Without You aus Rent , als hätte Larson sie einzig für sie geschrieben – sie umschmeichelte seine Lyrics und traf jede dieser mörderischen hohen Noten punktgenau. Und dann, um den Abend zu beschliessen und das Publikum von den Sitzen zu reissen, folgte Stephans’ Interpretation von I’ll Cover You Reprise aus Rent - ein wahrhaft erschütternder Moment, mit himmlischer Unterstützung durch den Chor aus Studierenden der London School of Musical Theatre. Weil Larson unerwartet am Tag der ersten Preview von Rent Off-Broadway starb, heisst es, er habe unwissentlich sein eigenes Memorial geschrieben. Die erschütterte Besetzung trat an jenem Abend vor zwanzig Jahren auf die Bühne, um seine Musik zu singen und ihn stolz zu machen. Die Tragik liegt darin, dass er die Wirkung seines Werks nie erleben konnte – nicht nur als Noten und Worte auf Papier oder Bühne, sondern als Botschaft an die Menschheit, die heute durch die Arbeit der Jonathan Larson Foundation weitergetragen wird.
Wie es bei solchen einmaligen Konzert-Performances nun einmal ist, gab es auch ein paar unbequeme Momente: hier und da eine überambitionierte Note oder ein verlegter Text, ein oder zwei unglückliche Interaktionen mit dem Publikum, Augenblicke, in denen die Performer*innen das Ganze womöglich etwas mehr „fühlten“ als der Saal. Doch das wird gern verziehen – denn der Zweck des Abends hat sich erfüllt.
Und damit zurück zu meiner früheren Frage: Worin liegt der Sinn eines einmaligen Konzerts wie Seasons of Larson? Nun: Die Besetzung und das Kreativteam dieser Feier haben es glasklar gemacht – nicht nur, indem sie die Zeitlosigkeit von Larsons Werk zeigten, sondern indem sie auch seine dringlichen Rufe nach Veränderung und Reform neu aufleben liessen. Das Konzert erinnerte sein Publikum daran, dass Larsons Musik und der Geist, der in ihr wohnt, weiterleben – auch wenn er dieser Welt auf tragische Weise viel zu jung entrissen wurde. Und der Wert, das wiederauferstehen zu lassen, selbst nur für einen einzigen kurzen Abend, ist unschätzbar.
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