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REZENSION: Raisin In The Sun, Ethel Barrymore Theater ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Raisin In The Sun
Ethel Barrymore Theatre
8. April 2014
4 Sterne
Oft kommt es vor, dass Zuschauerinnen und Zuschauer eine Aufführung in der Pause verlassen. Dafür kann es viele Gründe geben. Heute Abend sind über zwanzig Menschen aus der Wiederaufnahme von Raisin In The Sun, die derzeit am Ethel Barrymore Theatre am Broadway läuft, gegangen. Alle, die gegangen sind, waren weiss und über 40. Einige sagten Dinge wie „Das muss ich nicht auf der Bühne sehen“ und „Was für ein Haufen ****“. Vier Leute stimmten dem Satz zu: „Zurück nach Florida, wo so ein **** nicht passiert.“
Ganz ehrlich.
Wir haben 2014.
Lorraine Hansberrys Raisin In The Sun wurde 1964 zum ersten Mal am Broadway gezeigt. Sie war die erste afroamerikanische Frau, die den New York Drama Critics Circle Award gewann. Ihr Stück war eine epochale Leistung.
Und das ist es noch immer.
Es gibt nur sehr wenige Stücke, die sich mit dem Leben afroamerikanischer Menschen in den USA beschäftigen. Dieses hier ist in jeder Hinsicht grossartig: kluge, scharfsinnige Dialoge; Figuren, die vor Feuer und Empörung, Dummheit und starker moralischer Standfestigkeit vibrieren; eine Handlung, die nie ganz dorthin führt, wohin man glaubt; und vor allem eine wahrhaftige Darstellung des Ringens zwischen Anpassung, Unterdrückung und dem Bewusstsein der eigenen Herkunft.
Anders betrachtet gibt es nur sehr wenige Stücke, die derart wunderbare Frauenfiguren zeigen – Frauen, die zufällig schwarz sind. Doch dieses Stück hat drei davon, und jede einzelne ist ein Diamant.
Inszeniert wird diese Produktion von Kenny Leon, dem Regisseur, der das Stück zuletzt am Broadway inszeniert hat. Doch diese Inszenierung unterscheidet sich deutlich von der damaligen.
Im Mittelpunkt steht die Familie Younger: Grossmutter, Sohn und Tochter, die Frau des Sohnes und ihr Kind sowie weitere Personen. Die Handlung spielt in einer kleinen Wohnung in Chicago, nach dem Tod des Familienoberhaupts. Wie wird sein Versicherungsgeld ausgegeben? Wer entscheidet? Die Frauen der Familie – oder der Mann, der Sohn des Verstorbenen? Was bedeutet diese Entscheidung für die ganze Familie? Was geschieht, wenn man seinem Traum folgt und er zum Albtraum wird? Wie bringt man Liebe und Unverständnis miteinander in Einklang?
Das Stück verhandelt grosse Themen, aber in einem kleinen, intimen Rahmen. Und doch steht diese Familie als Mikrokosmos für schwarze Familien in ganz Amerika. Folgen sie dem Modell der Matriarchin – oder übernehmen sie, aus Anpassung an die weisse Mehrheitsgesellschaft, ein patriarchales Modell? Wie entkommt man einer faktischen Knechtschaft? Und worin liegt – falls überhaupt – der Unterschied zwischen „dazugehören“ und für sich selbst einzustehen?
Ganz schlicht: Es ist ein überwältigendes Stück, und es ist schwer zu glauben, dass es vor 50 Jahren geschrieben wurde. Es wirkt relevant, frisch und beunruhigend treffsicher.
Alles an dieser Produktion strahlt Stil aus. Das Bühnenbild von Mark Thompson ist herrlich abgenutzt und stimmig für die Zeit. Die Idee einer beweglichen Bühne, die sich in die Zukunft vorarbeitet und in die Vergangenheit zurückzieht, ist inspiriert. Auch Ann Roths Kostüme evozieren eine vergangene Ära.
Leon inszeniert mit Schwung und Klarheit. Jede Unze Humor wird aus Figuren und Situationen herausgeholt – aber nie herablassend. Er wirkt organisch, geboren aus den Reaktionen und Handlungen einer echten, liebevollen Familie.
Die drei aussergewöhnlichen Frauen bilden die Eckpunkte eines präzise erdachten Dreiecks. Was auch immer die Hypotenuse ist – die Seiten heissen Liebe und Pflicht. Mal dunkel, mal hauchzart, schwingt dieses Dreieck nach, als wäre es ein zentrales Element in einem Orchester.
Latanya Richardson Jackson ist grossartig als Lena, die grossmütterliche Matriarchin. Grimmig, entzückt und entzückend zugleich, ist sie verkörperte Pracht: eine Naturgewalt, ein warmherziger, liebender Mensch und eine furchtlose Beschützerin. Und dazu kann sie Witze erzählen und messerscharfe Beobachtungen machen. Es ist schwer, nicht zu wollen, dass sie die eigene Grossmutter wäre. Eine Darbietung von enormer Kraft und subtiler Nuancierung.
Ebenso beeindruckend – vielleicht sogar noch mehr – ist Sophie Okonedo als Ruth, die Frau von Lenas Sohn. Von den allerersten Momenten an, wenn sie allein mit ihren Gedanken auf der Bühne steht, zusammengeklemmt, ausgezehrt und müde von ihren Lasten, ist diese Ruth eine Studie in Pragmatismus und Sensibilität. Okonedo ist in jeder Hinsicht verblüffend gut. Ich würde ihr jetzt schon einen Tony Award geben.
Anika Noni Rose ist hinreissend als Lenas Tochter Beneatha, die angehende Ärztin, die hübsch ist und umworben wird – von einem Mann, der möchte, dass sie die Anpassung an die weisse Mehrheitsgesellschaft akzeptiert, und von einem anderen, der sie an die Wahrheit ihrer Herkunft erinnert und in ihr das Bewusstsein dafür wecken will, woher sie kommt. Diesen Konflikt fängt Rose wunderschön ein. Die Szene, in der sie sich wie eine nigerianische Frau kleidet und auf traditionelle Weise tanzt, ist wirklich wunderbar – und zugleich seltsam verstörend. Es dürfte eigentlich nicht möglich sein, so leicht in die Geschichte eines Menschen hineinzublicken – oder etwa doch? Einfach köstlich.
Als Mann, der zwischen den drei Frauen in seinem Haushalt um sich schlägt und hin- und herlaviert, verblüfft Denzel Washington. Seinem Spiel haftet etwas Düsteres an, das seinen Star-Status übersteigt; das ist eine Darstellung ohne Beschönigung, ein mutiger Angriff auf das, was ein „Star“ ist. Mal abscheulich, mal gewalttätig, mal grausam, mal verzweifelt – Washington ist auf dysfunktionale Weise unberechenbar. Sein Walter Lee ist der Inbegriff des Verlierers, das ultimative Clusterfuck – und zugleich ist er echt, getrieben von dem Bedürfnis, seine Männlichkeit zu beweisen. Indem Washington das innere Kind freilegt, macht er Walter Lee mit grossem Können zu einem vollkommen verständlichen, völlig unverzeihlichen, aber auf seltsame Weise sympathischen, fehlerhaften Mann. Atemberaubend gut.
Als besonders widerlicher Rassist – wenn auch in eine zuckrig-süsse Fassade der Gastfreundschaft verpackt – ist David Cromer lebendig und erschreckend präzise. Seine Szenen mit der Familie, in denen er sie davon zu überzeugen versucht, nicht nach Clybourne Park zu ziehen, wo Lena ein Haus gekauft hat, weil die weissen Leute dort hart gearbeitet haben, um die Gemeinschaft zu bekommen, die sie wollen, gehen unter die Haut. Cromer trifft die Rolle in zwei grossartigen Szenen perfekt. Ihm würde ich jetzt auch einen Tony geben.
Sean Patrick Thomas macht aus dem idealistischen Joseph, der Beneatha nach Nigeria mitnehmen möchte, damit sie dort als Ärztin arbeitet, einen lebensfrohen und nachvollziehbaren Mann. Sein Rivale, Jason Dirdens George, ist ebenso wirkungsvoll: der College-Junge mit weissen Schuhen und Anzug, der verzweifelt in das moderne weisse Amerika passen will. Beide Schauspieler lassen aussergewöhnliche Figuren mit Wahrheit und Realismus atmen.
Warm und stellenweise unbequem zwingt Hansberrys Stück einen dazu, die Lage schwarzer Amerikanerinnen und Amerikaner direkt in den Blick zu nehmen und sie als Gleichgestellte zu betrachten – Menschen, die leben, träumen, Erfolg haben und scheitern wie alle anderen auch.
1964 war es ein wichtiges Stück – und angesichts der Reaktionen einiger heute Abend ist es noch immer so wichtig wie eh und je. Es legt nahe, dass Gleichberechtigung und Ehrlichkeit die Werkzeuge des wahrhaft Menschlichen sind – und wer diese Aussage bestreiten kann oder will, nun ja: Über den lohnt es sich nicht nachzudenken.
Eine begabte Besetzung lässt ein immens wichtiges Stück vor Freude, Schrecken und der Brutalität des Alltags vibrieren und erzittern. Grossartiges Theater.
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