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REZENSION: Preludes, Southwark Playhouse ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

12. September 2019

Von

julianeaves

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Julian Eaves rezensiert Preludes von Dave Malloy, derzeit im Southwark Playhouse zu sehen.

Keith Ramsay in Preludes. Foto: Scott Rylander Preludes Southwark Playhouse

11. September 2019

5 Sterne

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Nach der katastrophal missglückten Uraufführung seiner ersten Sinfonie litt der russische Komponist Sergei Rachmaninow bekanntlich drei Jahre lang an einer Schreibblockade; heraus fand er schliesslich durch eine Kur aus Hypnose und Psychotherapie beim aussergewöhnlichen Dr. Dahl.  Nach mehreren Monaten täglicher Sitzungen war er von lähmenden Selbstzweifeln und Versagensangst befreit – und konnte mit voller Wucht ins Leben (und zu ewigem Ruhm) zurückkehren: als Schöpfer seines zweiten Klavierkonzerts, vermutlich seines beliebtesten Werks.  Es wurde zudem zum Soundtrack des Films „Brief Encounter“ und unzähliger weiterer Liebesgeschichten seither.  Eine wunderbare Erzählung davon, wie Kunst und Therapie emotionale Widerstände überwinden können.  Wer allerdings mit der Erwartung hineingeht, hier käme so etwas wie „On a Clear Day You Can See Forever“ – gemixt mit Wodka und Zobel – der erlebt, wie jene, die heute in den Wald gehen, eine ziemlich grosse Überraschung.

Keith Ramsay und Georgia Louise. Foto: Scott Rylander

Dave Malloy, der bemerkenswerte und ziemlich unvergleichliche amerikanische Erneuerer des Musicaltheaters („Natasha, Pierre and the Great Comet of 1812“, „Ghost Quartet“ und andere seiner Stücke gewinnen seit 2007 Preise – darunter Obies und Tony-Nominierungen), hat sich dieser Geschichte ganz im Sinne eines Auteurs zugewandt.  Er schreibt Buch, Liedtexte, Musik und Orchestrierungen, lenkt die Erfahrungen seiner Figuren durch das verwandelnde Prisma seines eigenen Lebens und seiner Zeit – und erschafft etwas vollständig Neues und Andersartiges.  Für diese britische Erstaufführung im stets umtriebigen Southwark Playhouse hat er in Alex Sutton einen Regisseur gefunden, der Intelligenz, theatrales Gespür und – vor allem – das persönliche Commitment mitbringt, um diese Vision zu verwirklichen.  Produziert wird von Danielle Tarento, und das kreative Team sowie die Besetzung, die für dieses bahnbrechende Ereignis zusammengestellt wurden, sind erstklassig.

Keith Ramsay, Georgia Louise und Rebecca Caine. Foto: Scott Rylander

Zunächst gibt es im Programmheft einen Essay, in dem Sutton seine Haltung zu diesem Projekt und zum Theater allgemein offenlegt: „Wozu ist es da?  Was ist sein Zweck?  Ist es nur zur Unterhaltung?  Geht es um Anerkennung?  Um Ruhm?  Um Berühmtheit?  Um Akzeptanz?“  Viele weitere Fragen folgen.  Dann kommt er zu der Regieidee, die er für diese Produktion gefunden hat: „Statt eines traditionellen Musicals, das schreit: ‚SCHAU MICH AN!‘, oder eines Stücks, das sagt: ‚Denk über mich nach‘, sagt diese Show: ‚Werd langsamer, hör zu, bleib ruhig, denk nach, erschaffe, mach, akzeptiere, wer du bist – und irgendwann kannst du dich in dieser Welt zurechtfinden.‘“  Mit diesen Gedanken im Kopf bist du bereit, den grossen Raum zu betreten und eine Präsentation zu erleben, wie du sie sehr wahrscheinlich noch nie gehört oder gesehen hast.

Rebecca Browers Bühne (mit ansteigender Bestuhlung auf zwei Seiten des Quadrats) ist eine flache schwarze Plattform, auf der ein schwarzer Konzertflügel steht; flankiert wird sie von zwei Sound-Mischpulten (für den schwarz gekleideten Musical Director Jordan Li-Smith und seinen Assistenten Billy Bullivant) und gerahmt von hauchdünnen, konzentrischen Rhomboiden aus Licht, die immer wieder aufblitzen, flackern und in Weiss, Blau und Rot gegen die umgebende Dunkelheit leuchten (Lichtdesign: Christopher Nairne).  Gegenüber, am Scheitelpunkt des Zuschauerraums, steuert Sounddesigner Andrew Johnson den Klang.  Vom allerersten „Wumms“ einer tiefen elektronischen Vibration, die durch unsere Ohren pocht, kombiniert mit einer perfekt synchronisierten Wellenbewegung durch die Lichtrippen auf der Bühne, werden wir von dieser technologischen Kunstfertigkeit unmittelbar „zusammengehalten“.  Malloy ist ein Meister der Electronic Dance Music und nutzt sie – und viele weitere Einflüsse, darunter einige, die ich etwa bei Komponisten wie Dallapiccola wiederzuerkennen glaube –, um die Musik des spätromantischen Rachmaninow in Klänge von heute zu verwandeln.

Keith Ramsay, Georgia Louise. Foto: Scott Rylander

In diese Technik müssen selbstverständlich die Töne des Konzertflügels fliessen, hier überwiegend erzeugt von der „Konzertpodium“-Version Rachmaninows, dargestellt vom kernigen, geschniegelt wirkenden Tom Noyes.  Er trägt Frack und Fliege (Brower entwirft auch die Kostüme und mischt – wie es auf modernen Konzertpodien bis heute üblich ist – Historisches mit Zeitgenössischem).  Es ist eine stumme Rolle, abgesehen von den Klängen, die er seinem Instrument entlockt – und die, das sei festgehalten, hervorragend sind –, doch Noyes ist zudem ein ausgezeichneter Schauspieler und mit Körper und Haltung ebenso beredt; er „spielt“ sie mit gleicher Virtuosität (präzise und anschaulich beurteilte Bewegungsarbeit von Ste Clough).  Der „andere“ Rach, der zu Beginn fiebrig und ängstlich auf einem Salonstuhl im Stil des Russischen Imperiums hockt, ist das genaue Gegenteil.  Keith Ramsays zerzauster Künstler im schwarzen Regenmantel, mit Liza-Minnelli-Augen und Lilian-Gish-Mund, ist die zarte, fragile Anima zum strengen, grossen Musik-Animus seines Gegenübers.  Gegenüber sitzt der Nikolai Dahl in der ebenso souveränen, aber oh, so viel selbstbewussteren und kontrollierteren Cross-Gender-Besetzung von Rebecca Caine (auf einer modernen Imitation eines Bauhaus-Bürostuhls, gekleidet in die elegant-informelle Garderobe einer zeitgenössisch-stylischen Therapeutin).  Was wir nun betreten, ist ein langes Gespräch zwischen dem Komponisten und seiner unerreichbaren anderen Hälfte: seiner Kunst.  Das gesamte Stück – denn vor allem ist es tatsächlich ein „Stück“ – dramatisiert die Prozesse, durch die diese beiden miteinander ins Gespräch kommen und schliesslich einen Weg finden, im selben Universum zu koexistieren und zum gegenseitigen Nutzen voranzugehen.

Norton James, Steven Serlin und Georgia Louise. Foto: Scott Rylander

Damit dürfte geklärt sein, dass dies alles ist – nur kein „konventionelles“ Musical?  Gut.  Was in den nächsten gut zwei Stunden folgt, ist ein weitgehend durchkomponierter Vorstoss in den kreativen Geist und seine Strategien im Umgang mit Dysfunktion.  Unterwegs begegnen wir, Überraschung um Überraschung, Momenten, in denen jede Erwartung elegant und geschickt ausgehebelt wird.  Zunächst einmal herrscht eine lange Stille.  Rach und Dahl starren einander an.  Schliesslich, als die Leere zwischen ihnen fast unerträglich wird, beginnt Caine mit ihrer Befragung – und plötzlich denkt man nicht an irgendein anderes Musical, sondern eher an Sarah Kanes „4.48 Psychosis“.  Denn Dahl spricht mit amerikanischem Akzent, und wenn Rach antwortet, dann ebenfalls.  Und dann begreifen wir: Sie sind in Malloys (und unserem) Hier und Jetzt.  Dieses Stück handelt genauso sehr von ihm und von uns wie von ihnen.  Wir schauen Rachmaninow nicht beim Leben zu; wir sehen Malloy bei der Arbeit – und durch ihn sehen wir uns selbst.  Das Publikum taucht in eine gemeinsame, völlig ununterbrochene stille Betrachtung dessen ein, was es sieht und hört.  Und auch wenn das Licht im Mittelgang angeht und die Darstellenden ihn hinauf- und hinabgehen, direkt neben uns sitzen oder stehen – wir fühlen nichts anderes, als vollständig hypnotisiert von ihrer Theatermagie.  Sicher, ruhig und unseren Gedanken und Gefühlen völlige Freiheit lassend, erleben wir exakt dieselbe bemerkenswerte Reise in unser Innerstes, in unseren Geist, wie der Komponist der „Symphonischen Tänze“ – oder der Schöpfer eines seltsam neuen amerikanischen Musiktheaters.

Tom Noyes und Keith Ramsay. Foto: Scott Rylander

Solange du bereit bist, dich auf eine solche Reise einzulassen – und das scheint die überwältigende Mehrheit des Publikums zu sein –, wird das für dich ein bemerkenswertes und wunderbares Erlebnis.  Dennoch könnten manche es als zu viel empfinden; eine solche Innenschau kann fordernd und womöglich zu verstörend sein.  Dann ist es eben nicht das Richtige.  Ein paar Leute gingen in der Pause.  Wir anderen aber sassen wie gebannt, aufrecht, wach, interessiert, engagiert, fasziniert, ganz leicht nach vorn gelehnt und hörten diesem kraftvollen, geheimnisvollen Drama höchst aufmerksam zu.  Stephen Sondheim hat einmal angemerkt, dass die Verbreitung von Verstärkung dazu geführt habe, dass Musicalpublikum aufgehört habe zuzuhören: Nun, dies ist eine Show, in der das aussergewöhnliche Gleichgewicht zwischen dem majestätischen Klavier, den menschlichen Stimmen und den elektronischen Klängen um sie herum nur durch eine brillant sorgfältige und klug austarierte Nutzung von Mikrofonen und Sound-Mixing erreicht werden kann.  Auch darin ist sie ganz und gar unsere Zeit – in der wir digitalen, modulierten Klang ständig erleben.  Das Publikum äussert sich nur zweimal: Applaus am Ende des ersten Akts – und dann noch einmal am Schluss.  Das ist alles.  Vieles an der Show ist tatsächlich sehr komisch; aber wenn man lacht, hört man sich selbst dabei nicht – und sonst auch niemand –, fast wie im Traum.

Unterwegs hören wir zudem deutlich mehr aus Rachmaninows Œuvre, gefiltert durch die Fantasie dieses Teams.  Georgia Louise (frisch aus der Hauptrolle in „Mamma Mia!“ und mit jeder Menge West-End-Charisma), als Rachs Verlobte Natalya, gleitet ätherisch durch seine Vocalese, während sie ihren Klavierunterricht erteilt.  Der energische, draufgängerische Norton James (gerade mit Auszeit von den Barricade Boys, u. a.) ist als Rachs bester Freund Chaliapin herrlich opernhaft und grand-guignol; an einer Stelle tollt er in einem flamboyanten roten Umhang, mit gehörntem Maskengesicht und kompletter Motorradkluft als Gounods Mephistopheles über die Bühne und legt einen „Loop“ – einen von vielen an diesem Abend – über anderes musikalisches Material, um den zweiten Akt zu eröffnen.  Dazu kommt die rätselhafte Figur von Steven Serlins vollendetem „Master“, der sich mal als betrunkener Anton Tschechow auf einem Ausflug manifestiert, ein Gewehr auf das Publikum richtend, mal als übellauniger Leo Tolstoi und sogar als Zar Nikolaus II., den er als finsteren New Yorker Gangland-Boss spielt.  Wenn diese Truppe zusammenkommt, liefert sie Riffs von ausserordentlicher, mesmerischer Kraft – unter anderem über die erste Sinfonie und die unheimlich nachklingenden „Vespers“.  Aber diese Show wird sich niemals in „Song of the Steppes“ verwandeln.  Gott sei Dank.

Caines stählerne Souveränität als Dahl wirkt stets wie eine Wächterin, die darauf achtet, dass alles auf der richtigen intellektuellen und künstlerischen Spur bleibt: Sie singt deutlich weniger als die anderen, doch ihre „Hypnosis“ gegen Ende des zweiten Akts lohnt das Warten – ein erhabenes Stück Musiktheater, dargeboten von einer der Besten ihres Fachs (sie kreierte u. a. die Rolle der Cosette in „Les Misérables“) und eine glanzvolle Apotheose der gesamten Show.  Und doch gehört dieser Abend letztlich mehr als allem anderen dem Duo Noyes und Ramsay, deren unermüdliche Leistungen – der eine am Keyboard, der andere überall sonst – uns durch diese aussergewöhnliche, unvergessliche Reise tragen.  Ramsay treibt sich dabei besonders nah an den Rand des Erträglichen, um Rachmaninows Extreme unbedingt vollständig zu realisieren: in einer packenden Darstellung aufgewühlter und oft unkontrollierbarer, unbegreiflicher Emotionen und unaussprechlicher Gedanken.  Es ist eine gefährliche, wilde Verkörperung jener sterblichen Dunkelheit, in die Rachmaninow das Licht seiner Musik zu werfen versucht.

Und schliesslich, am Ende: Was nimmt man daraus mit?  Nun – ich war froh, dass ich ohnehin schon gebucht hatte, noch einmal wiederzukommen und alles erneut zu sehen, denn genau das wollte ich.  Wenn etwas so grossartig ist, will man einfach mehr davon!  Ach, noch eine gute Nachricht: Dave Malloys „Ghost Quartet“ bekommt ebenfalls seine britische Erstaufführung – im neuen Boulevard Theatre in Soho ab dem 24. Oktober.  Er ist angekommen!

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