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REZENSION: One Jewish Boy, Trafalgar Studios 2 ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
Ray Rackham
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Ray Rackham bespricht Stephen Laughtons Stück One Jewish Boy, das inzwischen ins Trafalgar Studios 2 ins West End gewechselt ist und dort bis zum 4. April 2020 gespielt wird.
One Jewish Boy
Trafalgar Studios 2
3 Sterne
One Jewish Boy, Stephen Laughtons London-Fringe-Hit, ist ins West End transferiert und beleuchtet die prägenden Momente einer zehnjährigen Beziehung zwischen einem jüdischen Mann und einer nichtjüdischen Frau gemischter Herkunft. In einem klug durchdachten Spiel mit Chronologie und Erzählweise springt dieses nichtlineare Stück nach vorn und kehrt zu verschiedenen Stationen der Beziehung zurück – und hat dabei vieles, das man feiern kann. Leider überdecken die zahlreichen Vorzüge einige grundlegende Schwächen nicht ganz.
Jesse, ein netter jüdischer Junge aus Highgate (Robert Neumark-Jones in einer schillernden, energiegeladenen Darstellung), und Alex (Asha Reid zugleich souverän und angenehm verletzlich) kämpfen darum, eine Beziehung zu gestalten – mit den Belastungen des Alltags und der späteren Elternschaft –, als das hässliche Dröhnen des Antisemitismus in ihr ansonsten sicheres Leben eindringt. Als dringliche Antwort auf den sehr realen und weltweit zunehmenden Antisemitismus geschrieben, wird One Jewish Boy von einem Angriff auf Jesse zentriert und geerdet, der (auch wenn wir die physische Realität nicht vollständig sehen) metaphorisch in das Gewebe des Stücks eingewoben ist – durch das, was gesagt und nicht gesagt wird, und durch eindrucksvolle körperliche Bewegung und das Bühnenbild. Sarah Meadows führt mit akribisch präziser Regie, die dieses Zwei-Personen-Stück in hohem Tempo hält, und Georgia de Grey sowie Jack Weir liefern ein absolut zeitgeistiges Bühnen- und Lichtdesign; beides trägt maßgeblich dazu bei, die Schönheit der Schlichtheit und eine elegante Form herauszustellen. Visuell ist das Stück relevant und wirkt sehr dringlich, urban und stimmig. An der Qualität der Menschen hinter den Kulissen besteht keinerlei Zweifel.
Laughtons Stück selbst hat jedoch Probleme. Es beginnt mit einem Streit und kehrt danach in nahezu jeder Szene zu Auseinandersetzungen unterschiedlicher Art zurück – mit zu wenigen Momenten, die etwas anderes zulassen. Das Ergebnis gerät gefährlich nah daran, beim Publikum eine Gleichgültigkeit gegenüber beiden Figuren zu erzeugen, trotz der wirklich harten Arbeit beider Darsteller*innen, sie sympathisch zu machen. In der Darstellung der Paranoia, die Neumark-Jones’ Jesse erfasst hat – genährt durch einen früheren antisemitischen Angriff –, gibt es tatsächlich Momente von echtem Interesse und großer Wucht. Doch indem er als so binärer Redner geschrieben ist, bleibt kaum Zeit zum Innehalten, bevor die beiden wieder streiten. In der Intimität des Trafalgar 2 funktioniert das nicht, und stellenweise könnte man dem Publikum verzeihen, wenn es meint, versehentlich in einen unbeholfenen Krach zwischen einem Paar geraten zu sein, das man wiedererkennt, aber kaum kennt. In den leichteren Momenten bleibt das Stück vergleichsweise auf Nummer sicher: „Ich bin besessen von Rightmove, das ist wie Tinder für Verheiratete“, bemerkt eine*r der beiden, und an anderer Stelle heißt es, jemand, der in einer WG lebt, habe vielleicht Charakter, aber eben kein „eigenes Bad“. Diese spezielle Niedlichkeit steht im diametralen Gegensatz zu Zorn und Galle, die den Großteil des Stücks prägen – so sehr, dass es unerquicklich, unverbunden und ohne klaren Zweck wirkt.
Unbestreitbar trifft das Stück emotional mit voller Wucht, ist von einem talentierten Kreativ- und Designteam gekonnt gebaut und von zwei hervorragenden Darsteller*innen schön gespielt; aber indem es so sehr auf das Hier und Jetzt setzt und stellenweise Richtung Seifenoper abbiegt, hat Laughton zu wenig an seine Zukunft gedacht. Am Ende ist es ein gutes Stück, das man gesehen haben sollte.
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