NACHRICHTEN
REZENSION: Rettungsboot, West Yorkshire Playhouse ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
Jonathanhall
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Lois Mackie (Bess Walder) und Amy McGregor (Beth Cummings) in Lifeboat. Lifeboat West Yorkshire Playhouse
Dienstag, 2. Mai 2017
Fünf Sterne
Man nehme eine eindrucksvolle (und wahre) Geschichte, die von einem starken Text getragen wird, kombiniere sie mit fantasievoller, körperlicher Inszenierung – und heraus kommt ein rundum großartiger Theaterabend, der abwechselnd witzig, aufschlussreich, zart, spannungsgeladen und stellenweise herzzerreißend ist. Die Geschichte um den Untergang des Konvoischiffs City of Benares im September 1940, mit an Bord 90 Kindern, die nach Kanada evakuiert werden sollten, markiert einen besonders tragischen Tiefpunkt des Zweiten Weltkriegs. Nicola McCartneys Stücktext aus dem Jahr 2002 erzählt dieses Ereignis, und Gill Robertsons präzise, energiegeladene Inszenierung ist eine würdige Hommage und ein stilles Denkmal für die 87 Kinder, die ihre Qual nicht überlebten, als sie in den eisigen, stürmischen Wassern des Atlantiks an gekenterten Rettungsbooten festklammerten.
Lois Mackie (Bess Walder) und Amy McGregor (Beth Cummings) in Lifeboat. Foto: Anthony Robling
Lois Mackie und Amy McGregor verkörpern (unter anderem) die realen Überlebenden, die Cockneyin Bess Walder und die Liverpudlianerin Beth Cummings – und zaubern dabei mit großer Energie Kinderwelten herauf: nervige Brüder, Judy Garland, fordernde Eltern, dazu Träume von Reisen und Ruhm. Eine Welt, die durch Radiodurchsagen und Sirenen in die Unsicherheit der Kriegszeit kippt, als für viele der einzige vernünftige Weg, Kinder vor Bomben und Invasionen zu schützen, darin bestand, sie nach Australien, Amerika, Südafrika und Kanada zu schicken. Wir begleiten die beiden Mädchen und ihre Mit-Evakuierten durch Formulare und ärztliche Untersuchungen, Planen und Packen, Abschiede an lärmenden Bahnhöfen und lange Zugfahrten – bis sie im Jahr 1940 so etwas wie das gelobte Land erreichen: die SS Benares, mit turbantragenden Stewards, die Schokolade und Schinkenbrötchen verteilen, in einer Umgebung, die luxuriöser ist als alles, wovon ihre von „Der Zauberer von Oz“ befeuerten Träume je ausgemalt haben. Diese Erzählung wird immer wieder von streng choreografierten Einschüben unterbrochen, die die rohe Gefahr ihrer Lage zeigen: die Flucht vom torpedierten Schiff, das Festklammern mit klammen, gefrorenen Händen an einem gekenterten Rettungsboot in schwerer See, während um sie herum Menschen schwächer werden und loslassen – bis sie schließlich allein sind und Bess mit dem qualvollen Gedanken ringt, wie sie den Eltern sagen soll, dass sie ihren Bruder verloren hat. So groß waren Kraft und Überzeugung der Darstellungen, dass diese Rezensentin es bis in den Solarplexus hinein spürte.
Lois Mackie (Bess Walder) und Amy McGregor (Beth Cummings) in Lifeboat. Foto: Anthony Robling
Gespielt wurde im Barber Studio, einem der weniger bekannten, aber umso spannenderen Räume des West Yorkshire Playhouse, der sich hervorragend für die Travers-Bühnenanordnung und die Körperlichkeit des Stücks eignete. Das Schöne an diesem Ansatz war, dass durch einfachste Mittel – minimale Fingerbewegungen, flackernde Lichterketten, herumgewuchtete Koffer – mein vom iPad-und-Smartphone-Dauerbeschuss geprägter Kopf vollkommen wach war und Bilder entstehen ließ: stürzende Kleiderschränke, schräg liegende Decks, sinkende Schiffe – eindringlicher als jedes reale Bild oder jede wörtliche Darstellung. Ein solches wörtliches Bild gibt es nur ganz am Schluss: ein emotionaler Schlag in Form einer Wäscheleine mit Kinderkleidung, bedruckt mit Fotografien der Gesichter der jungen Menschen, als sie von Liverpool zu ihrem großen Abenteuer ausliefen; die Zuversicht und Vorfreude in ihren Gesichtern erinnern schmerzhaft klar an die Wahrheit hinter der Geschichte.
Vielleicht kam der stärkste Beleg für den Bann, den diese Inszenierung schlug, aus dem Publikum der Kinder: Sie saßen in zwei Reihen rechts und links des Spielraums, im Schneidersitz, reglos, völlig versunken und gebannt. Mehr als einer Person im Saal dürfte durch den Kopf gegangen sein, dass sie genau im Alter ihrer damaligen Gegenstücke auf der SS Benares waren.
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