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KRITIK: Leopoldstadt, Wyndham's Theatre, London ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

Ray Rackham

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Ray Rackham bespricht Tom Stoppards neues Stück Leopoldstadt, das derzeit im Wyndham’s Theatre in London zu sehen ist.

Das Ensemble von Leopoldstadt. Foto: Marc Brenner Leopoldstadt

Wyndham’s Theatre, London

4 Sterne

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An Tom Stoppards neuestem – und womöglich letztem – Stück LEOPOLDSTADT gibt es viel zu feiern. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel: Die über sechs Jahrzehnte reichende Reise der Familie Merz durch Wien umspannt enormes Terrain und umfasst mehr als zwei Dutzend Figuren; sie beginnt 1899 mit dem Schmücken bzw. Anzünden des Weihnachtsbaums und endet 1955 mit drei Figuren, die sich nach dem Holocaust schmerzhaften Enthüllungen stellen müssen. Doch dieses Zuviel ist hier eine beglückend passende Überfülle; dem weiten Zeitbogen ebenso angemessen wie den zentralen Themen, die sich durch das Stück ziehen.

Das Ensemble von Leopoldstadt. Foto: Marc Brenner

Konzeptionell ist LEOPOLDSTADT faszinierend: Wir folgen Adrian Scarborough und Faye Castelow als Hermann und Gretl Merz – einem führenden Wiener Industriellen und seiner katholischen Ehefrau –, die um die Jahrhundertwende versuchen, in die Wiener High Society zu assimilieren. Bei einem ausladend großen Familientreffen fällt der Ausdruck „katholisch, jüdischer Abstammung“; und die älteren, oder orthodoxeren, Mitglieder der Familie Merz ringen damit, wie beides zugleich möglich sein soll (während sie sich parallel über die Dekoration des Weihnachtsbaums ereifern). Zwei Jahrzehnte später finden wir die Figuren mitten in den Roaring Twenties wieder; jene in der Blüte ihres Lebens sind nun ergraut und zeigen Alterszeichen, die Merz-Kinder und ihre Cousins sind erwachsen. Österreich ist vom Großen Krieg gezeichnet, und die Verwüstung steht jedem Mitglied der Familie Merz deutlich ins Gesicht geschrieben – körperlich wie seelisch. Das Gespenst der Assimilation hängt über der Familie wie ein ungebetener Verwandter bei der Brit Mila, zu der man sich zum Feiern versammelt hat. Und doch bleiben die wichtigsten Fragen der Zeit jene nach Identität und Zugehörigkeit; und genau hier leistet Stoppards messerscharfer Dialog Großes: Er sagt sehr viel, indem er scheinbar wenig sagt. Wir hören das Dröhnen eines Jagdflugzeugs und das Stampfen von Stiefeln – und finden uns im Wien des Jahres 1938 wieder, wo das Stück und die Schicksale aller Figuren eine verheerend erschütternde Wendung nehmen.

Caroline Gruber und Clara Francis. Foto: Marc Brenner

LEOPOLDSTADT gehört zu jenen seltenen Stücken, die gerade durch die Summe ihrer sehr unterschiedlichen Teile gewinnen. Von Patrick Marber, der den Abend so geschickt durch Jahrzehnte springen lässt und dabei völlig schlüssig bleibt, bis hin zu Adam Corks erstaunlich furchteinflößendem und zugleich enorm wendigem Sounddesign: Das ist eine beeindruckende theatrale wie intellektuelle Leistung – mit der Würde und Autorität, die man vom achtzigjährigen Stoppard erwarten darf. Am beredtesten ist das Stück, wenn die Figuren philosophieren statt zu debattieren (es gibt eine wunderbare Szene, in der Caroline Grubers grandios getroffene Großmutter Emilia um die vergessenen Gesichter in einem Familienfotoalbum trauert) und dann die erwartbaren Stoppardismen hinter sich lässt und in Chaos und Schrecken kippt, sobald die Familie Merz mit den Grauen und der Tragödie der Reichspogromnacht und dem, was folgt, konfrontiert wird.

Faye Castelow und Adrian Scarborough. Foto: Marc Brenner

Scarborough und Castelow führen ein starkes Ensemble an, dessen Figuren uns wirklich ans Herz wachsen – und zwar sehr. Die Beziehung zwischen Alexis Zegerman und Ed Stoppards Eva und Ludwig ist in den frühen Szenen so beglückend glaubhaft, dass das Premierenpublikum hörbar nach Luft schnappte, als Mark Edel-Hunts berechnender und furchteinflößender Nazi-Zivilist seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Es ist, weil wir ihr Schicksal erahnen können, selbst wenn wir im Zuschauerraum sitzen und hoffen, es möge nicht so kommen. Wenn nach den Schrecken der 1940er Jahre nur noch drei Mitglieder der Familie Merz übrig sind, empfinden wir echte Trauer – denn dann erfahren wir, was aus denen geworden ist, deren Leben wir vierzig Jahre lang begleitet haben: „Auschwitz, Suizid, Auschwitz, Todesmarsch, Auschwitz, Auschwitz, Auschwitz“.

Mark Edel Hunt. Foto: Marc Brenner

Auch wenn das Stück nicht biografisch ist, sind Elemente von Stoppards eigener jüdischer Herkunft klar in das Gewebe der Themen und Ereignisse eingewoben. Und obwohl Stoppard keine offensichtliche allegorische Brücke zwischen damals und der heutigen Gesellschaft schlägt, liegt ein Blick durch die Linse von 2020 im Schatten von Richard Hudsons wunderschön wuchtigem Bühnenbild. Der Abend hält den Problemen, mit denen die Welt heute ringt, immer wieder einen Spiegel vor – ohne es überhaupt zu wollen; was es irgendwie nur umso eindringlicher macht. Und dennoch verliert er nie ganz seinen Humor. In einer exquisit gesetzten Coda hat von den drei überlebenden Merz-Familienmitgliedern nur eines die Schrecken des Holocaust erlitten (die beiden anderen emigrierten nach Großbritannien bzw. Amerika). Die Ironie, dass gerade die beiden Emigranten die „stärkere“ jüdische Abstammung haben, entgeht ihm nicht: „Ich bin nur zu drei Vierteln Jude, du bist die volle Katastrophe.“

Eine Katastrophe ist dieses Stück nicht. Es ist fein nuanciert, unheimlich berührend und ein wichtiges Stück Theater. Bitte: Gehen Sie hin und sehen Sie es sich an!

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