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KRITIK: La Bohème, Opera Holloway im Sutton House ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
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Tim Hochstrasser bespricht Opera Holloways Pop-up-Produktion von La Bohème im Sutton House.
La Bohème
Opera Holloway
Sutton House
4 Sterne
30. August 2019
Website von Opera Holloway Die „Pop-up-Oper“ hat sich landesweit zu einer Erfolgsformel entwickelt – nicht zuletzt, seit „Country-House-Opera“ sowohl in der Produktion als auch für das Publikum so kostspielig geworden ist. Sie überzeugt durch die Schlichtheit ihrer Mittel und weil sie den traditionellen Qualitäten von Ort und Werk Raum gibt, für sich selbst zu sprechen – ohne überflüssigen Firlefanz. Genau das trifft auf Opera Holloways Tourneeproduktion von La Bohème zu, die einem der vertrautesten Werke des Repertoires neue Facetten abgewinnt – in einem bemerkenswert stimmungsvollen und zum Nachdenken anregenden Rahmen.
Sutton House ist ein höchst unerwartetes Tudor-Gebäude mitten im Zentrum von Hackney. Es gilt als das erste größere Wohnhaus aus Backstein, das außerhalb von Central London errichtet wurde, und geht auf Ralph Sadler zurück – Schützling von Thomas Cromwell und ein Mann, der erfolgreicher als sein Mentor darin war, ein Vermögen anzuhäufen und dabei nicht nur einen kühlen Kopf zu bewahren, sondern buchstäblich auch seinen Kopf. Nach mancherlei Wechselfällen ist dieses faszinierende Haus heute eine Insel vielschichtiger historischer Ruhe am einen Ende der Mare Street – und sobald man seine sehr dicken Mauern hinter sich hat, ist der Trubel des 20. Jahrhunderts sofort wie ausgelöscht.
Auch als Opernort ist es hervorragend geeignet: Neben der grünen, eigenwilligen Architektur gibt es eine modernere Scheune, die ideal dimensioniert ist für eine Kammeropernaufführung mit Klavierbegleitung – gerade genug Platz für ein glaubwürdiges Bühnenbild und für ein Publikum von etwa fünfzig Personen.
Was an dieser Produktion zuerst auffällt, ist die Mischung aus spritzigem Witz und Pragmatismus, die jede gelungene Tourneeproduktion braucht. Fort sind die Mansarden von Paris – stattdessen ziehen wir in studentische Einzimmerbuden in Worthing. Ein passend heruntergekommenes Wohnzimmer, bevölkert von Studierenden in einem bunten Mix aus Jogginghosen und Oberteilen; darüber freche Übertitel, die das Libretto dieser in die 1980er verlegten Oper konsequent in einen Slang des 21. Jahrhunderts übertragen. Dirigent Lewis Gaston hält das Tempo straff und verweilt nicht bei allzu Bekanntem – so werden wir mitten hineingeworfen in lebhafte Szenen studentischen Herumalberns, die gut gespielt, wirklich komisch und überzeugend gesungen sind. Genau diesen Energieschub braucht die Oper, um uns gleich zu Beginn zu packen – unabhängig von der Größe der Produktion.
Wenn es dann zur ersten Begegnung und zum Duett von Rodolfo (Alex Haigh) und Mimì (Callie Gaston) kommt, weiß man, dass man sich für den Rest des Abends entspannt zurücklehnen kann. Beide sind stimmlich vollkommen sicher, oben fast ohne jede Anstrengung – und zwischen ihnen stimmt die Chemie auf sehr glaubhafte Weise. Ähnliches gilt für Sam Orams Marcello und Lorena Paz Nietos Musetta – wobei die Chemie hier (zu Recht) ausgesprochen explosiv ist. Dieses zentrale Quartett ist sichtlich miteinander eingespielt, kann einzelne Momente voll auskosten und zugleich sorgfältig die stimmlichen Farben ineinander verschmelzen lassen.
Regisseurin Fiona Williams gelingt es, Bewegung und visuelles Interesse durchgehend zu halten, ohne die Mitwirkenden in Positionen zu bringen, die ihre stimmliche Entfaltung behindern. Hier zeigt sich ihre eigene Ausbildung als Sängerin: Sie wahrt die Balance zwischen Naturalismus und dem körperlichen Komfort, den man braucht, um diese – bei aller Vertrautheit – anspruchsvolle Vokalmusik zu meistern. Besonders deutlich wurde das gegen Ende, wo der Fokus auf den Tod der Heldin beim Ensemble manchmal zu einer verallgemeinerten Sentimentalität führen kann. Nicht so hier: Jede Figur verfolgt ihre eigene Geschichte bis zum Schluss; es gibt berührende Momente von Zuneigung zwischen allen Beteiligten, was ihr Gefühl von Gruppenzusammenhalt und das gemeinsame Streben unterstreicht, aus den oft begrenzten Chancen des Lebens das Beste zu machen.
Unter den kleineren Partien harmonierten Louis Hurst und Matthew Thistleton als Schaunard und Colline ausgezeichnet; Letzterer macht aus seinem kurzen „Abschied“ vom Mantel das Beste, während Ersterer in den Zechszenen ebenso wie bei Mimìs Tod eine breite Palette ausdrucksstarker Emotionen zeigt. Sie verkörpern eine tiefere Wahrheit, die für das ganze Ensemble gilt: „Bohemien“ zu sein hat weniger mit einem bestimmten Ort zu tun als mit Kreativität und Trotz angesichts von Armut und gesellschaftlicher Geringschätzung – etwas, das gerade jetzt nur allzu aktuell wirkt.
Besonders hervorzuheben ist Pianistin und Repetitorin Laurie O’Brien. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, zugleich dienend und harmonisch stützend für die Sängerinnen und Sänger zu sein und dennoch nach den Farben und dem Esprit von Puccinis Orchestrierung zu greifen. Das Klavier klang stellenweise etwas trocken, doch sie beschwor die Farbigkeit und den Wirbel des Café Momus eindrucksvoll herauf – ebenso wie die ausgedünnten Texturen der klirrend kalten Winterwohnung.
Es gibt nur einen Punkt, den man mit Vorbehalt anmerken muss – und der betrifft die Klangbalance. Diese Rezension wurde aus der ersten Reihe verfolgt und bekam dadurch die volle Wucht der Stimmprojektion ab, anders als jene, die weiter hinten saßen. Dennoch: Im begrenzten Raum des Sutton House hätte ein stärkerer Einsatz von mezza voce die Ausdruckswirkung der meisten Darbietungen eher gesteigert als geschmälert und das Publikum stärker in die Charakterzeichnungen hineingezogen, statt Aufmerksamkeit über Lautstärke zu erzwingen. Das ist vor allem eine Frage der Anpassung an den jeweiligen Spielort – und da Probenzeit auf Tournee kostbar ist, lässt sich diese Gefahr nur schwer ganz vermeiden.
Doch dieser Punkt schmälert nicht einen Abend von seltener musikalischer Qualität und enormer Energie und Verve. Ich kann diese Produktion auf Tournee von Herzen empfehlen – es gibt viel zu bewundern und zu genießen, ganz gleich, ob dies Ihre erste oder Ihre fünfzigste Begegnung mit dieser Oper ist. Die größten Opern sind unendlich flexibel, und diese Inszenierung hat das große Verdienst, Vertrautheit zu überwinden, indem sie einen dramatischen Bogen schlägt, der unsere gegenwärtigen Anliegen trifft und sich an den Lebenswirklichkeiten jener jungen Generation orientiert, die von den Sängerinnen und Sängern selbst repräsentiert wird.
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