NACHRICHTEN
REZENSION: Gesichter in der Menge, Gate Theatre, London ✭✭✭
Veröffentlicht am
24. Januar 2020
Von
markludmon
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Mark Ludmon bespricht Faces In The Crowd, eine Bühnenadaption von Ellen McDougall nach dem Roman der mexikanischen Autorin Valeria Luiselli – aktuell im Gate Theatre in London zu sehen.
Jimena Larraguivel als die Frau. Foto: Ellie Kurtz Faces In The Crowd
Gate Theatre, London
Drei Sterne
In Ellen McDougalls Bühnenadaption von Valeria Luisellis preisgekröntem mexikanischen Roman Faces in the Crowd verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Das Buch erschien ursprünglich 2011 auf Spanisch unter dem Titel Los Ingrávidos – sinngemäss etwa „die Schwerelosen“ – und auch in dieser Weltpremiere am Gate Theatre in London liegt eine schwer fassbare Flüchtigkeit über dem Stück, die es nicht leicht macht, es festzunageln.
Jimena Larraguivel und Neil D'Souza. Foto: Ellie Kurtz
Wie die Vorlage handelt auch das Stück vom Erzählen – es verschiebt sich und treibt zwischen verschiedenen Zeitebenen. Von ihrem Zuhause in Mexiko-Stadt aus beginnt eine Frau, ihre eigene Geschichte zu erzählen, trotz Unterbrechungen durch ihren Mann und die beiden Kinder. Dabei führt sie uns zurück in die Zeit, als sie in New York City lebte und für einen Verlag arbeitete, der sich auf englische Übersetzungen lateinamerikanischer Literatur spezialisiert. In diese Erzählstränge verwoben ist die Geschichte des mexikanischen Dichters Gilberto Owen, der in den 1920er-Jahren in Spanish Harlem in New York lebte – eine literarische Figur aus dem wirklichen Leben, die sich auch in den Mythen, die sie über sich selbst erschuf, stets entzog. In der Adaption des Kreativteams um Regisseurin Ellen McDougall gewinnt Faces in the Crowd zudem eine weitere Ebene: Ein metatheatralisches Element legt den Prozess von Erzählen, Übersetzen und Adaptieren noch stärker offen.
Anoushka Lucas als die Musikerin. Foto: Ellie Kurtz
Mit Songs, die Anoushka Lucas wunderbar vorträgt, bleibt das Stück spannend und fesselnd, während sich die Geschichten entwirren. Die mexikanische Schauspielerin Jimena Larraguivel ist faszinierend als Frau, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt – unterstützt und zugleich ausgebremst von ihrem zunehmend entfernten Ehemann, gespielt von Neil D’Souza, und ihrem jungen Sohn (Santiago Huertas Riaz an dem Abend, an dem ich die Vorstellung gesehen habe).
Wie die Geschichten selbst dehnt sich auch das Bühnenbild von Bethany Wells aus und bricht auseinander, führt uns an unerwartete Orte – verstärkt durch Jessica Hung Han Yuns vielschichtiges, präzises Lichtdesign. Mit seiner fragmentarischen Struktur und den wechselnden Realitäten besitzt Faces in the Crowd eine chaotische Schönheit; zugleich bringt diese Unfassbarkeit eine Flüchtigkeit ins Drama, sodass sich die Erzählungen stellenweise im Erzählen verlieren.
Im Gate Theatre in London bis zum 8. Februar 2020
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