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KRITIK: Emilia, Jetzt im Stream ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
11. November 2020
Von
pauldavies
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Paul T Davies rezensiert Emilia, das nach einer Spielzeit am Shakespeare’s Globe und einer Saison im West End nun bis zum 24. November online zu sehen ist.
Foto: Helen Murray Emilia Jetzt im Stream bis 24. November Hier ansehen
5 Sterne
Vielleicht ist einer der wenigen Vorteile dieses Jahres das Streaming von Theater, das zweifellos beeinflussen wird, wie künftige Aufführungen dem Publikum präsentiert werden. Manchmal verpasse ich eine Produktion wegen knapper Kasse, weil die Vorstellungen ausverkauft sind, bevor ich mich aufraffen kann, oder weil mir einfach die Zeit davonläuft. Umso erleichternder, dass ich nun endlich Morgan Lloyd Malcolms außergewöhnliches, epochendefinierendes Stück gesehen habe – ein Werk, das Geschichte und Regelwerk gleichermaßen neu schreibt. Nach dem Transfer vom Globe wurde diese Aufzeichnung ursprünglich für Archivzwecke gemacht, niemals für die Öffentlichkeit … bis die Pandemie die Spielregeln änderte – und voilà: das perfekte Gegenmittel gegen den Lockdown‑2‑Blues. Ja, der Ton ist stellenweise schwach, aber das liegt mitunter am „Schmelztiegel der Energie“, den das johlende Publikum erzeugt, und das Bühnenbild von Joanna Scotcher kommt dabei hervorragend zur Geltung. Wer war Emilia Bassano, angeblich die „Dark Lady“ aus Shakespeares Sonetten? Dass man so wenig über sie weiß, gibt Malcolm enorme Freiheit, eine mitreißende, kraftvolle Geschichte nicht nur über Emilia, sondern über unterdrückte Frauen zu erzählen.
Foto: Helen Murray
Wie der Tanzmeister am Hof sagt: „Ladies, are we ready to slay?“ Und JA, das sind sie! Mit einem herausragenden Ensemble – sowohl bei den Darsteller*innen als auch bei den Musiker*innen – gibt es keinerlei Schwachstelle in der Besetzung. Als die drei Emilias in Jugend, mittleren Jahren und im Alter meistern Saffron Coomber, Adelle Leonce und Clare Perkins die Übergänge wunderbar und formen eine einzige Figur, die im Verlauf des Stücks wächst und sich weiterentwickelt. Großartige Auftritte liefern unter anderem Jackie Clune als pompöser Lord Thomas und als temperamentvolle Eve, Charity Wakefield als exzellenter William Shakespeare (wie viel hat er sich von ihr „geborgt“ – in Othello heißt Desdemonas beste Freundin „Eve“ und „das ist MEIN NAME!“), und die River Women sind großartig. Besonders wirkungsvoll ist, dass das Stück, das Ensemble und die Regie von Nicole Charles Stereotype vermeiden. So breit die Komik stellenweise auch wirkt: Die Männer verhalten sich wie Männer, und die Frauen wie Frauen, die in dieser Epoche lebten und sich den damaligen Erwartungen fügen mussten. So sehr das Stück bisweilen aufbraust – eine der eindrucksvollsten Sequenzen ist, wenn Emilia den Verlust ihres
Kindes betrauert: die Ruhe und Stille von Figuren und Publikum, die leise vom Bildschirm herüberströmt.
Foto: Helen Murray
Sie war eine veröffentlichte Dichterin, Mutter, Lehrerin für Frauen, Feministin – und doch nennt sie die von Männern aufgezeichnete Geschichte eine „Hure“. Das Stück zwinkert durch die vierte Wand, zieht Parallelen und kommentiert unsere Gegenwart, in der viele Autorinnen noch immer erleben, dass ihre Arbeit als Hobby abgetan wird, und in der sie darum kämpfen müssen, dass ihre Texte gesehen und ihre Stimmen gehört werden. Geschichte wird von denen geschrieben und umgeschrieben, denen man eine Stimme gibt – und dieses Stück wird als Wendepunkt hin zu einem vielfältigeren, gleichberechtigteren und faireren Theater gelten. Die letzte Rede kommt aus tiefstem Herzen und reißt das Haus ab! Und das ist längst nicht das Ende von Emilias Geschichte: Jedes Stadttheater, jede Bühne in der Region und jede Amateurtruppe im ganzen Land sollte ihrer Stimme zuhören – und ich kann es kaum erwarten, dieses Stück endlich wieder live im Zuschauerraum zu erleben.
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