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REZENSION: Echoes, Arcola Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
christinefirkin
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Foto: Rosalind Furlong Echoes
Arcola Theatre
17. November 2015
4 Sterne
Es bleibt Ihnen nur noch sehr wenig Zeit, dieses wunderbare Stück zu sehen. Die aktuelle Spielzeit am Arcola Theatre endet am 21. November – und diese Produktion sollte man wirklich nicht verpassen. Bei der Uraufführung in diesem Jahr beim Edinburgh Fringe Festival wurde das Stück mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter dem Spirit of the Fringe Award. Die Spielzeit am Arcola Theatre in Dalston Junction ist die London-Premiere; das Haus war gestern Abend ausverkauft und dürfte es für den Rest der Laufzeit auch bleiben.
Echoes ist aus vielen Gründen ein Erfolg, aber im Kern liegt es an der großen Stärke des Storytellings. Tatsächlich laufen zwei Erzählstränge parallel, und obwohl die dargestellten Zeiträume 175 Jahre auseinanderliegen und von zwei Darstellerinnen unabhängig voneinander erzählt werden, gibt es zwischen beiden eine so tiefe und bedeutungsvolle Symbiose, dass aus etwas potenziell Fragmentiertem ein wunderschönes Ganzes wird.
Viel Anerkennung gebührt dafür natürlich dem Autor Henry Naylor, der bereits eine Reihe von Schreib-Credits vorweisen kann – darunter sein erstes Sprechtheaterstück The Collector (2014) sowie Arbeiten für Fernsehen und Radio. Außerdem war er Head Writer bei Spitting Image. Naylor besitzt eine feine satirische Handschrift, die sowohl in The Collector als auch in Echoes großartig zur Geltung kommt, und zugleich ein besonderes Talent, mit Worten Bilder zu malen. Manche dieser Bilder bleiben lange im Kopf. Etwa der Moment, in dem ein Lieutenant beschrieben wird, der eine verfaulende, von Maden durchsetzte Feige in der Hand hält und so lange zudrückt, bis sie platzt.
Naylor führte bei dieser Produktion außerdem gemeinsam mit Emma Butler Regie. Ihre gemeinsame Regiearbeit hebt jene symbiotischen Berührungspunkte meisterhaft hervor – ebenso wie die Gestaltung. Die Bühne ist bis auf eine Bank und einen Hocker leer; schlicht, schwarz, klar abgesetzt. Zwei Darstellerinnen: eine erzählt die eine Geschichte, die andere die zweite; eine in Schwarz, eine in Weiß – beide Kostüme typisch für Zeit und Ort. Die beiden bewegen sich durch den Raum, erzählen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und sind nur gelegentlich am selben Ort. Besonders schön war der Moment, in dem beide auf der Bank saßen: gemeinsam im Raum und in derselben Haltung – und doch Welten voneinander entfernt.
Foto: Rosalind Furlong
Der andere Erfolgsfaktor dieser Produktion ist die Qualität der beiden Darbietungen. Mit ihrem Können im Storytelling halten die zwei das Publikum von Anfang bis Ende gebannt – durchgehend aufmerksam und mitgerissen.
Das Stück beginnt mit der Geschichte, die Felicity Houlbrooke als Tillie erzählt. Tillie stammt aus Ipswich und segelt in die Kolonie Indien, um einen Ehemann zu finden, statt in ihrer Heimatstadt als alte Jungfer zu enden. Sie hat Ideale, ihre Pflicht für König und Vaterland zu tun – und diese werden durch das Verhalten sowohl ihres Mannes als auch der Kräfte in der Kolonie nach und nach vollständig untergraben. Ms Houlbrooke spielt alle Figuren ihrer Geschichte klar konturiert und lässt die Haltungen ihrer Zeit ebenso lebendig werden wie den Charakter ihres Mannes und der anderen.
Die parallele Geschichte ist die von Samira, erzählt von Filipa Braganca. Samiras Handlung spielt in der Gegenwart und ist in jeder Hinsicht zeitgenössisch. Sie wirft ein Licht auf sensible aktuelle Themen rund um die Konflikte im Nahen Osten und die Verstrickung muslimischer junger Menschen weltweit. Samira wird aufgerufen zu reisen, um sich persönlich dem Kalifat anzuschließen – um ihrer Pflicht gegenüber ihrem Glauben nachzukommen. Wie Tillie wird auch Samira sowohl von ihrem Mann als auch durch den Umgang mit anderen innerhalb des Kalifats desillusioniert. Bragancas Spiel lässt den Glauben an ihre Geschichte gekonnt entstehen. Sie und ihre Spielpartnerin Houlbrooke sind wunderbar und ebenbürtig aufeinander abgestimmt.
Ein äußerst beeindruckendes Stück voller plastischer Wortbilder und packenden Storytellings.
Echoes ist am Arcola Theatre bis zum 21. November 2015 zu sehen.
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