NACHRICHTEN
REZENSION: Toter Royal, Ovalhouse ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Dead Royal
Ovalhouse
22. April 2015
4 Sterne
Eine blassblaue Chaiselongue. Ein weiß-goldener Schminktisch, der in Versailles oder Schönbrunn nicht fehl am Platz wäre. Schachteln mit Champagnertrüffeln, einige geöffnet, andere nicht. Ein Fernsehgerät, obenauf ein VHS-Rekorder: es wirkt neu, nicht anachronistisch. Blumen – Hortensien in pastelligen Tönen, in rosa Papier gewickelt.
Auf der Chaiselongue liegt eine Frau. Sie wirkt herrisch – selbst in jenem Zustand der Bewusstlosigkeit unmittelbar vor dem Erwachen, ganz gleich, ob diese Bewusstlosigkeit von Alkohol oder Müdigkeit herrührt. Musik läuft. An ihrem Zucken erkennt man deutlich, dass die Frau, tadellos in Schwarz gekleidet, mit einem silbernen Anhänger an der Brust, die Musik missbilligt. Sie regt sich, erwacht, durchquert den Raum, wobei Alter und Schmerz jeden Schritt bestimmen. Sie stellt die Musik ab. Sie setzt eine recht strenge Perücke auf, die sie fest in den lange vergangenen Nebel der Vierzigerjahre pinnt.
Sie kehrt zur Chaiselongue zurück. Als musikalischen Wecker hat sie Tara’s Theme aus Vom Winde verweht gewählt. Dann – völlig unerwartet – erbricht sie sich. Ausgiebig. Knallpinker Mageninhalt. Während man bemerkt, wie perfekt das Erbrochene zu ihrem Dekor passt, schleudert sie einer unsichtbaren Zofe Beschimpfungen entgegen.
Das ist Dead Royal – ein Ein-Personen-Stück, geschrieben, inszeniert und gespielt von Christopher Ioan Roberts, das diese Woche im Ovalhouse Premiere feiert. Es imaginiert ein Treffen zwischen Wallis Simpson und Diana Spencer im Jahr 1981, noch vor der Hochzeit der Letzteren mit dem Thronfolger. Wallis will Diana warnen, sie davon abbringen, sich in der Windsor-Maschinerie zu verlieren. Diana wiederum möchte ein bestimmtes Perlen-Collier zurückhaben, das Wallis an sich nahm, als die Abdankung sie und ihren Mann zur Flucht aus England zwang. Das ist die Ausgangslage.
Es ist faszinierend.
Roberts ist makellos in beiden Rollen: die säuerliche, verrottete, alte Wallis, die trotz ihrer Bitterkeit Diana vor der trostlosen Plackerei des Beitritts zur Monarchie bewahren will; die schüchterne, unsichere Diana, die den Ränkespielen des Königshauses noch wie ein Kind gegenübersteht, sich an der schwulen Clique orientiert, die sie im Palast umgibt, und vage glaubt, eine Perlenkette könnte ihre Hochzeit zu einem wirklich unvergesslichen Ereignis machen.
Beide Figuren haben körperlich fast nichts gemeinsam, und das gibt Roberts enorme Möglichkeiten, seine beträchtlichen komischen und dramatischen Fähigkeiten auszuspielen. Beide Charaktere sind klar konturiert, beide sehr unterschiedlich. Roberts bewältigt beides mühelos, und tatsächlich – erstaunlicherweise – ist die Verwandlung von Wallis zu Diana, die direkt vor den eigenen Augen geschieht, ungemein fesselnd. Irgendwie ist seine Diana größer, schlanker als seine Wallis.
In gewisser Weise gibt es hier fünf Figuren: Wallis, Diana, das Offstage-Personal, Roberts und Roberts im Verwandlungsmodus. Indem er die Figuren spielt und zugleich als eigene Präsenz spürbar bleibt, kommentiert Roberts die Mechanismen des royalen Lebens im grellen Licht der Medien auf anregende und aufschlussreiche Weise. Dass er die ganze Zeit eine Maske trägt, ist für sich genommen schon ein Kommentar zum Leben von Wallis und Diana. Der Aspekt der Verwandlung ist in der Königsfamilie allgegenwärtig.
Sobald Roberts richtig loslegt, wird deutlich, dass es verblüffende Parallelen zwischen Simpson und Spencer gibt – den beiden royal-en „S“-Ehefrauen, die die Monarchie aus völlig unterschiedlichen Gründen an den Rand der Zerstörung brachten. Beide wurden von den Medien dämonisiert, beiden wurden Verbindungen vorgehalten und gegen sie verwendet – historisch wie persönlich (Mosley und Al Fayed) – und beide waren unbestreitbar tragische Figuren.
Und doch sah sich keine von beiden als tragisch, und keine schien die Last ihrer Ehemänner allzu schwer zu tragen. Roberts’ schneidender Humor, der im Text deutlich wird und durch seine beherrschte, beiläufige Vortragsweise noch gesteigert wird, hebt Unterschiede wie Gemeinsamkeiten hervor. Und die ganze Zeit über entwickelt er – meist unausgesprochen – ein überzeugendes Plädoyer für das Ende der Windsor-Linie und die Einführung einer Republik.
Das ist subversives, fantasievolles und packendes Theater. So etwas haben Sie noch nicht gesehen – und da The Audience demnächst im West End wieder anläuft, ist das Pflichtprogramm für alle, die diese behagliche Perspektive einmal schiefgestellt, überdreht und herausgefordert sehen wollen. Vielleicht ist das Klügste, was Roberts hier tut, dass Wallis und Diana einander nie begegnen – eine Art Anti-Audience, wenn man so will: Die Erwartung und die Möglichkeit sind vollständig da, und wenn man das Theater verlassen hat, kann man selbst darüber nachdenken. Endlos.
Am Ende der Vorstellung steht ein eindringliches, verzweifelt trauriges Bild: Wallis, allein im Apartment, im Hintergrund hebt und senkt sich ihr Apparat zur Lebenserhaltung, während sie die Fernsehübertragung der Hochzeit von Charles und Diana verfolgt, Schmerz in jede Pore gegraben. Ein starker, ernüchternder Moment stiller, subtiler Reflexion.
Einzigartig und mitreißend: Das ist ein Bravourstück von Roberts – böse komisch und zugleich bemerkenswert nachdenklich und durchdringend.
Gehen Sie hin. Zögern Sie nicht. Roberts ist ein Talent, das Ihre Investition wert ist.
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