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KRITIK: „Ein Inspektor kommt“, Playhouse Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
12. November 2016
Von
sophieadnitt
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Die Besetzung von An Inspector Calls. Foto: Mark Douet
Playhouse Theatre
10. November 2016
Fünf Sterne
Wir beginnen bei den Birlings, einer behaglich bürgerlichen Familie mit ausgeprägten gesellschaftlichen Ambitionen. Eines Abends, während sie die Verlobung ihrer Tochter Sheila mit dem aristokratischen Gerald Croft feiern, gibt es einen unerwarteten Besuch. „Bitte, Sir“, sagt Edna, die Hausangestellte der Familie, „ein Inspektor ist da.“ Inspektor Goole tritt ein – und damit beginnt eine Nacht voller Enthüllungen. Eine junge Frau, Eva Smith, hat Suizid begangen und ein Tagebuch hinterlassen, das über eine Reihe von Umständen und sozialer Benachteiligungen die gesamte Familie belastet.
J. B. Priestleys Drama steht seit Langem fest auf den Leselisten fürs GCSE und gehört zum Standardrepertoire vieler Amateurtheater. Diese National-Theatre-Produktion, jetzt im Playhouse Theatre zu sehen und in den Werbematerialien als „Meilenstein“ angepriesen, stellt das Stück auf den Kopf, indem sie die Handlung von 1912 strikt auf die Welt der Birlings begrenzt – ein Schritt vor die Haustür führt uns in eine gepflasterte, vom Blitzkrieg verwüstete Straße. Das gesamte Geschehen ist in einem Theater verortet, das zuvor womöglich irgendeine Art edwardianisches Salonstück gespielt hat, bevor es den Bombenschäden erlag. Nun ist es der Abenteuerspielplatz der Kinder aus der Nachbarschaft, die sich während eines Luftangriffs hineinschleichen, um zu erkunden – und schließlich in das Drama hineingezogen werden.
Hamish Riddle, Camela Corbett und Clive Francis in An Inspector Calls. Foto: Mark Douet
Das Zuhause der Familie Birling thront über den Ruinen der Straße – ein Relikt eines längst verlorenen edwardianischen Zeitalters, das seither von zwei Weltkriegen ausgelöscht wurde. Diese Nacht häuslicher Spannungen mag sich tatsächlich in diesem Haus, in dieser Straße zugetragen haben, doch längst ist sie fortgeweht und vergessen.
Ian MacNeils Bühnenbild ist unbestreitbar atemberaubend: Der Vorhang hebt sich zu strömendem Regen, der einen scharfen Kontrast zur warmen, leuchtenden Geborgenheit der Birling-Residenz bildet. Zunächst bleibt das Haus uns verschlossen, und durch die Fenster erhascht das Publikum nur Blicke auf die Familie am Esstisch. Man hört Gesprächsfetzen, Böen von Gelächter – doch wir bleiben ausgeschlossen. Die Welt im Inneren ist eine wohlhabende, zu der weder das Publikum, noch die herumwuselnden Straßenkinder der 1940er Jahre im Theater – und schon gar nicht Eva Smith – gehören dürfen. Bald schwingt das Haus wie ein Puppenhaus auf und legt das Innenleben der Familie frei. Es ist klar, dass wir nicht willkommen sind, und die Figuren steigen erst dann (buchstäblich) aus ihrem Elfenbeinturm herab, wenn Goole sie dazu zwingt. Das gesamte Bühnenbild steckt voller Überraschungen und ist genauso ein Star des Abends wie jeder Einzelne aus dem Ensemble.
Barbara Marten in An Inspector Calls. Foto: Mark Douet
Es gibt durchweg hervorragende Leistungen, und Regisseur Stephen Daldry hat diese Figuren mit großem Erfolg neu gedacht. Clive Francis als Familienpatriarch Arthur Birling ist ganz Blendwerk und Aufschneiderei, klammert sich an eine Zeit, in der er der König in seinem Schloss ist – in der die Reichen reich und die Armen arm sind und die „Spinner“ (wie er sie nennt) in sicherer Entfernung, irgendwo im Ausland, gehalten werden. Barbara Marten ist großartig als Ehefrau Sybil und inszeniert unbewusst ihren eigenen Untergang mit überlebensgroßer Grandezza. Man kann den Blick kaum abwenden, wenn die Quittung schließlich – vernichtend – eintrifft.
Carmela Corbett liefert als Sheila eine herausragende Darstellung. Gemeinsam mit Sheilas Bruder Eric (Hamish Biddle) und ihrem Verlobten Gerald (Matthew Douglas) beginnt sie den Abend als Teil eines abstoßenden Trios, das sich morbid kichernd über die Nachricht vom Suizid ereifert. Ihre allmähliche Erkenntnis, dass die Welt ihres Vaters nicht die Welt der Zukunft ist, wird kunstvoll und ohne jede Attitüde gezeigt.
Die Besetzung von An Inspector Calls. Foto: Mark Douet
Schließlich liefert Liam Brennan einen beeindruckenden und unvergesslichen Inspektor Goole. Weit entfernt von der düsteren, stoischen Figur, für die sich viele Inszenierungen entscheiden, schwankt und fließt Gooles Sprachrhythmus in Brennans Händen. Er zögert, setzt an, sinniert und murmelt an einer Stelle: „Wie heißt das Wort…“ – das ist ein deutlich menschlicherer Goole, als man ihn sonst oft zu sehen bekommt. Diese Menschlichkeit zeigt sich auch in seiner wachsenden Frustration über die Birlings.
Und doch haftet ihm etwas von einem Strippenzieher an. Goole ist hier nicht nur ein allwissender Polizeiinspektor – er ist Regisseur, Inspizient, Choreograf. Sein erster Auftritt besteht darin, dass er sich entschuldigend an der Vorderreihe entlangschiebt. Nachdem Eric mitten am Abend wütend aus dem Haus stürmt, rennt Goole in die Seitenbühne, um ihn zu suchen – wie einen abtrünnigen Darsteller. Wenn die Ereignisse gewalttätig werden, stoppt er das Geschehen mit einem schnellen Signal an sein unsichtbares Bühnenteam und spricht das Publikum direkt an. Dieses zerstörte Theater ist Gooles Reich, und alle Männer und Frauen sind darin nur Spieler.
Die gesamte Produktion ist eine faszinierende Lesart und wird dem „Meilenstein“-Hype voll und ganz gerecht. In Zeiten politischer Umbrüche ist Priestleys Erinnerung daran, dass „wir füreinander verantwortlich sind“, nicht nur aktuell, sondern zeitlos. Nach einem turbulenten Jahr 2016 ist An Inspector Calls ein Muss.
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