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REZENSION: A Strange Loop, Barbican Theater ✭✭✭✭
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Von
timhochstrasser
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Tim Hochstrasser rezensiert den London-Transfer von Michael R. Jacksons preisgekröntem Musical A Strange Loop, das derzeit im Barbican Theatre zu sehen ist.
Kyle Ramar Freeman. Foto: Marc Brenner A Strange Loop
Barbican Theatre
29. Juni 2023
4 Sterne
Tickets buchen Nach dem beachtlichen Erfolg am Broadway im vergangenen Jahr und auf dem Weg dorthin mit einem Tony und einem Pulitzer ausgezeichnet, kommt dieses neue Musical mit großer Erwartungshaltung für seine britische Spielzeit ins Barbican Theatre. Bei der Pressevorstellung wurde es bis unter die Decke bejubelt und dürfte zweifellos auch beim Publikum ein großer Erfolg werden. Aber hält es einer genaueren Prüfung stand?
Dies ist ein Musical über einen schwarzen, queeren, plus-size Musical-Autor in New York City, der seine Rechnungen bezahlt, indem er als Platzanweiser bei „Der König der Löwen“ arbeitet. Dieser Mann, der schlicht Usher genannt wird, schreibt wiederum ein Musical über einen schwarzen, queeren, plus-size Musical-Autor in New York City, der seine Rechnungen bezahlt, indem er als Platzanweiser bei „Der König der Löwen“ arbeitet. Und so weiter. Das ist die „strange loop“ des Titels. An seiner Seite stehen sechs Begleiter – Projektionen seiner unterschiedlichen Gedankenstränge: Selbsthass, sexuelle Ambivalenz, elterliche Ermahnungen zum Beispiel. Ein Großteil des Geschehens ist ein konfrontativer Dialog zwischen ihnen allen, in dem Usher sowohl seine eigene Identität als auch schwarze urbane Identitäten im Allgemeinen auslotet. Ein zentrales Thema ist, wie frei schwarze Kultur, Glaube und Musik sowie sexueller Ausdruck sein können – und inwieweit sie von weißer Zustimmung abhängen oder durch Stereotype begrenzt werden, die eine Autorität von außen einfordert.
Die Besetzung von A Strange Loop.
Die Darstellung des Geschehens hat außergewöhnliche Stärken und Originalität, aber auch einige überraschende strukturelle Schwächen. Buch, Musik und Liedtexte stammen von Michael R. Jackson und greifen auf seine eigenen Lebenserfahrungen zurück. Während unterwegs stilistische Verneigungen vor vielen Größen der amerikanischen Musicaltradition gemacht werden, sticht – ähnlich wie bei „Hamilton“ – vor allem hervor, wie befreit und eigenständig fantasievoll das Schreiben ist. Wir starten an New Yorker Orten – einem Theater, einer Wohnung, der U-Bahn –, doch schon bald verzweigen wir uns in immer barockere Fantasien, wenn Usher Schlüsselfiguren der schwarzen US-Geschichte begegnet, sich seinen Eltern im Familienhaus stellt und – in einer finalen Anti-Apotheose – mit einer opulenten Gospel-Kirchen-Sequenz seinen eigenen internalisierten Selbsthass dramatisiert.
Die musikalische Palette ist vielfältig; bei diesem Rezensenten hallen viele der ruhigeren Songs länger nach als die glitzernden Showstopper. Die Melodien sind einprägsam und die Texte witzig, aber wortreich und kunstvoll verschlungen – vermutlich etwas, das Sondheim missbilligt hätte, was jedoch zur Erkundung von Übermaß und dem Schmerz dahinter passt, der im Zentrum des Werks steht. Am bemerkenswertesten ist vielleicht die ungehemmt grafische und explizite Natur der Dialoge. Doch weil sie dem Vorhaben dienen und nicht um der Effekthascherei willen eingesetzt werden, funktioniert es – und man geht einfach mit.
Kyle Ramar Freeman und Nathan Armarkwei Laryea. Foto: Marc Brenner
Die Produktionswerte sind intensiv und beeindruckend. Das Grundbühnenbild bietet sechs Türen, je eine für jeden der verschiedenen „Gedanken“; doch schon bald werden sie von immer aufwendigeren Konstruktionen abgelöst, die der schwindelerregenden Fantasie des Protagonisten entsprechen. Gleiches gilt für die Kostüme – wie es die gesamte Besetzung schafft, diese Menge an schnellen Umzügen zu bewältigen, sprengt die Vorstellungskraft: Da müssen meterweise Klettverschluss im Einsatz sein – und eine Armee von Helfer*innen hinter der Bühne! Die Band habe ich nie zu Gesicht bekommen, doch es gab einige schöne Soli neben einem prägnanten Ensemble, dirigiert von Candida Caldicot. Raja Feather Kelly hat eine erfreulich lebendige und komplexe Choreografie entwickelt, die das „Loop“-Motiv aufgriff und es den „Gedanken“ ermöglichte, sich entsprechend dem Verlauf der Handlung um Usher zu winden und zu verschlingen.
Die zentrale Rolle ist auf jeder Ebene anspruchsvoll, und Kyle Ramar Freeman füllt sie mit ebenso viel Feingefühl wie Elan. Usher schwankt zwischen selbstzerfleischendem Zweifel und schneidender öffentlicher Verachtung – Freeman findet diese beiden Extreme mit Geschick und der nötigen sprachlichen Wendigkeit. Zugleich ist die Darstellung emotional geerdet, sodass man spürt, wie sich sein inneres Erleben hin zu einer finalen Selbstannahme entwickelt.
Kyle Ramar Freeman und Danny Bailey. Foto: Marc Brenner
Um ihn herum vollbringen die sechs „Gedanken“ Gesangs- und Tanzwunder, jeder klar gezeichnet und vom anderen deutlich unterschieden. Das sind erstklassige Leistungen, die in jeder Hinsicht abliefern.
Meine Zweifel – so es denn welche sind – betreffen die strukturelle Geschlossenheit des Werks. Es gibt recht viel thematische Wiederholung und ein gewisses Auf-der-Stelle-Treten, besonders im Mittelteil. Obwohl der Abend nur 100 Minuten dauert, könnte man dennoch ein oder zwei Szenen streichen, um die Wirkung des Ganzen zu schärfen. Es geht weniger um „weniger ist mehr“; vielmehr darum, dass man bei Szenen, die jeweils einen so starken emotionalen Schlag setzen, nicht schlagmüde werden möchte.
Insgesamt jedoch ist diese Show eine große und originelle Leistung, die sich mit Sicherheit einen dauerhaften Platz im Repertoire und in der Geschichte des Musicals erobern wird. In mancher Hinsicht ist es eine aktualisierte, schwarze Version von „Company“ – keine Handlung und viele Figuren, die dem zentralen Protagonisten Ratschläge geben, wie er sein Leben zum Besseren verändern kann. Aber vielleicht muss es sich noch zu seiner endgültigen, besten Fassung entwickeln?
Spielzeit bis 9. September 2023
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